Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 8. Juli 1911

Jena 8. Juli 1911.

Lieber Freund!

Besten Dank Dir und Deiner lieben Frau für Euren Gruß aus dem Riesen-Gebirge; wie gern wäre ich jetzt bei Euch! Aber für mich ist jetzt „Spiel und Tanz vorbei“! leider werde ich auf das geliebte Bergsteigen wohl für immer verzichten müssen. Seit 80 Tagen stecke ich in der Stube und hinke auf Krücken fort; doch soll ich morgen den ersten Versuch machen, die Treppe hinab und in den Garten zu gehen. Die Heilung des schmerzhaften Hüftgelenks geht sehr langsam vorwärts. Dazu kam noch vor 6 Wochen ein gastrisches Fieber, das mich sehr mitnahm. Auf die Teilnahme am ersten Monisten-Congress in Hamburg (8. − 11. Septb.) werde ich aucha verzichten müssen. || In große Trauer sind wir vor 14 Tagen durch den schweren Verlust versetzt, den mein armer Sohn Walter (München) durch den jähen Tod seiner Lieblingstochter Renata erfuhr. Das reizende fröhliche Kind (7 Jahre) rutschte am 24. Juni das Treppengeländer hinab, überschlug sich und erlitt einen Schädelbruch; starb nach drei Tagen.

− Meiner Frau, die in den ersten Monaten d. J. recht krank war, geht es jetzt besser; sie grüßt Dich und Deine liebe Frau mit mir bestens!

Stets treulichst Dein alter E. Haeckel.

− P.S. Zu wissenschaftlicher Arbeit bin ich zur Zeit noch ganz unfähig; ich lese viel (besonders Geschichte der Philosophie u. Biologie).

a eingef. mit Einfügungszeichen: auch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-07-1911
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.152
ID
42285