Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 8. Mai 1911

Zoologisches Kloster a

der Universität Jena.

8. Mai 1911.

Lieber Freund!

Herzlichen Dank für Deinen l. Brief u. besonders für das herrliche Porträt von Dir, das einen Ehrenplatz im Phyletischen Archiv erhalten wird. Ich gedachte Anfang Mai auf einige Tage nach Berlin zu kommen, die Reise-Ausstellung u. Kunst-Ausstellung zu sehen, und Deiner liebenswürdigen Einladung folgend, einen heiteren Frühlingstag mit Euch am Müggelsee zu verleben. Aber die unerbittlichen Schicksals-Mächte haben diesen schönen Plan, und zugleich meinen ganzen Arbeitsplan des Sommers, unbarmherzig durchkreuzt! Am 20. April erlitt ich (– im dunkeln Zimmer über eine Schwelle stolpernd) einen bösen Fall, mit Bruch des linken Oberschenkelhalses ( innerhalb der Gelenkkapsel). || Obgleich die schmerzhafte Fractur relativ günstig ist (– die beiden Bruchenden fest in einander gekeilt –) heilt sie doch bei meinen 77 Jahren nur langsam und unvollständig – in 2½ 3 Monaten ist auf feste Verbindung zu rechnen; aber das Bein bleibt 2 Ct m kürzer und wird nie wieder völlig b frei beweglich. Da ich seit 2 Jahren Emeritus Eremitus bin und mein schrumpfendes Gehirn keine wertvollen neuen Gedanken mehr produziren kann, ist diese „Vorletzte Szene vom letzten Akte meiner Lebenstragödie für den Kosmos gleichgültig; – aber für mich alten Jammergreis immerhin schmerzlich, – besonders weil nun Reisen und Berg steigen ausgeschlossen sind. || Zu dem schönen Erfolg Deiner 12 Vortragsreisen wünsche ich von Herzen Glück! Ebenso zu Deiner reichen lite rarischen Ernte u. Anerkennung!

Deine Ansichten über die Mißhandlung der Tierseele (als bloßer Reflex-Maschine) durch Zur Strassen teile ich vollständig! Das sind die Folgen dem „exakten “ modernen Physiologie, die nicht mehr vergleichen kann und sich selbst von der Psychologie ausschließt. „Gefühle“ und „Empfindungen“ soll es nicht mehr geben! –

Ob ich meine begonnenen „Lebens-Erinnerungen“ noch fortführen kann, wird von dem Rückgange meiner schwankenden Gesundheit abhängen; eine Masse historischer Dokumente bleiben jedenfalls im Phyletischen Archiv gesammelt. ||

Von dem „Ersten Monisten-Kongress“ in Hamburg (8. – 11. Septb.) verspreche ich mir viel; leider kann ich nun meine Absicht daran Teil zu nehmen nicht mehr ausführen. Ich muß mich jetzt mit völliger Resignation im „Estrema dura-Kloster“ einpuppen.

Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus

Dein treuer alter

Ernst Haeckel.

a gestr.: Institut; b eingef. mit Einfügungszeichen: völlig

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-05-1911
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Friedrichshagen bei Berlin
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.151
ID
42284