Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 5. Januar 1902

Zoologisches Institut

Der Universität Jena.

Jena, den 5.1.1902

Lieber Freund Bölsche!

Für Ihre freundlichen Neujahrs-Wünsche (– die ich von Herzen erwidere –) und für die vortrefflichen Photographien sage ich Ihnen u. Ihrer lieben Frau meinen herzlichen Dank! Über die guten Nachrichten von Ihrem Befinden u. Ihren schönen Sommer-Reisen habe ich mich sehr gefreut. Ihr schlesisches „Rittergut“ bei Schreiberhau werde ich, wenn es das Glück erlaubt, gern einmal besuchen. Diese herrliche Gegend gehört zu den frühesten Landschafts-Eindrücken meiner Kindheit, als 1839–48 meine liebe Großmutter auf Ihrer „Haeckel-Bleiche“ a in Kunersdorf bei Hirschberg besuchte. ||

Auch für die freundlichst übersandte II. Aufl. Ihrer schönen „Mittagsgöttin“ (– die zuerst unsere Bekanntschaft vermittelte! –) danke ich bestens. Sehr gespannt bin ich auf den dritten Theil Ihres ausgezeichneten „Liebeslebens“; von den beiden ersten Theilen habe ich zu Weihnachten je drei Exemplare verschenkt.

Ich lasse jetzt die X. Aufl. (wenig verändert) der „Natürl. Schöpfungsgeschichte“ drucken. Von den „Welträthseln“ (die immer noch gut gehen) erscheint die VII. Aufl., unverändert (15. Tausend). ||

Meine ganze Energie werfe ich jetzt auf die Vollendung der „Kunstformen d. N.“, von denen noch 4 Hefte (VII-X.) ausstehen. Ich gebe in diesen auch einzelne Charakterbilder höherer Thiergruppen. Dann muß ich noch einen kurzen erläuternden Text dazu schreiben (nebst systematischer Ordnung der Tafeln). Ich möchte dabei auch die mannichfachen Schönheiten der Natur-Objecte in objectiver u. subjectiver Beziehung beleuchten. Sind Ihnen andere darauf bezügliche Schriften bekannt? Welches sind die besten und gebräuchlichsten Lehrbücher der Aesthetik? Ich habe bisher sehr wenig Brauchbares finden können. ||

Nach Weihnachten war ich ein paar Tage in Berlin und hatte die Absicht, auch Ihnen in Friedrichshagen einen Besuch abzustatten. Leider reichte aber die Zeit dazu nicht aus; ich hatte zu vielerlei dringende Besprechungen.

Indem ich Ihnen und Ihrer lieben Familie für das begonnene Jahr von Herzen alle Gute wünsche, bleibe ich stets Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

P.S. Auch an Bruno Wille und die Gebrüder Hart freundliche Grüße!

a gestr.: b

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-01-1902
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.80
ID
42210