Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 31. Oktober 1899

Jena 31.10.99.

Lieber Herr Bölsche!

Für die freundliche, heute erhaltene Besprechung meiner „Welträthsel“ in der „Zeit“ und die ehrenvolle (– wohl freundschaftlich übertriebene! –) Stellung, die Sie mir dabei ertheilen, sage ich Ihnen meinen herzlichen Dank! Außerdem habe ich bisher nur in der „Gegenwart“ eine ausführliche (günstige) Besprechung gesehen. Die Kritik hält noch sehr zurück; aber der Sturm wird wohl bald kommen. Zunächst ist die Wirkung an dem guten Absatz zu ermessen: innerhalb eines Monats ist die I. Aufl. (3000 Expl) verkauft worden. || Die II. erscheint nächstens (unverändert). Die Briefe meiner nächsten Freunde darüber enthalten meistens Entzücken, manche aber auch Entsetzen!

Nachdem ich nunmehr von meiner Corsica-Fahrt glücklich zurückgekehrt bin und gestern meine Vorlesungen begonnen habe, hoffe ich bald auf Ihren lieben Besuch. Am Besten ist es, wenn Sie dafür die drei freien Tage wählen, die ich im Winter habe (Donnerstag, Freitag, Samstag). Vielleicht interessiert Sie aber auch ein Besuch in der Vorlesung (Mo. Di. Mi.) – oder in dem beliebten Zoolog. Practicum, das ich seit 30 Jahren Sonntags Vormittags 8½–1 Uhr gebe. ||

Auch Weimar müssen Sie sich bei der Gelegenheit ansehen. Hoffentlich halten die schönen Herbsttage noch an, so daß ich Ihnen unseren schönsten Wald im goldenen Spätherbst Kleide zeigen kann.

Sehr leid thut es mir, daß ich Sie nicht einladen kann, bei mir zu wohnen. Aber leider liegt meine arme Frau (deren Herzleiden sich im Septbr. sehr verschlimmert hatte), wieder seit Wochen zu Bette. Ich bitte Sie aber, mein Gast in dem nächst gelegenen Gasthofe „Deutsches Haus“ zu sein, in welchem ich meine Freunde und Verwandte regelmäßig einzuquartieren pflege! ||

Am Schlusse meiner Reise (von der ich 60 Aquarell Skizzen mitgebracht habe) war ich noch 3 Tage in München; auf Wunsch von Lenbach, der ein sehr gutes Portrait von mir (Leinstück, stehend –) für seine Gallerie der Zeitgenossen gemalt hat.

Schreiben Sie mir Tags zuvor, ehe Sie kommen, damit ich Ihnen ein gutes Zimmer im „D. H.“ bestellen kann.

Beste Grüße an unsere Freunde!

Auf frohes Wiedersehen!

Ihr

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
31-10-1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.60
ID
42189