Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 3. März 1894

Jena, 20. Februar 1894

Herrn Wilhelm Bölsche

Seewartstr. 12 I. Zürich.

[gedrucktes Dankschreiben Haeckels]:

Am 16. Februar d. J. war es mir vergönnt, mein 60stes Lebensjahr zu vollenden und damit zugleich die dankbare Erinnerung an meine 33jährige Lehrthätigkeit an hiesiger Universität zu verbinden. Bei dieser Gelegenheit sind mir von Nah und Fern überaus zahlreiche und mannichfaltige Beweise freundschaftlicher Theilnahme gegeben worden. Alte Freunde und unbekannte Gesinnungsgenossen, werthe Collegen und treue Schüler haben gewetteifert, durch Glückwünsche und Gaben mich zu erfreuen. Da es mir nicht möglich ist, ihnen Allen persönlich oder brieflich meinen herzlichen Dank auszusprechen, sei es mir erlaubt, ihn auf diesem Wege zum Ausdruck zu bringen.

Das reiche Maass ehrenvoller Anerkennung, welches hierbei meiner Lebensarbeit zu Theil geworden ist, hat mich tief gerührt und beglückt. Ich darf dieselbe aber nur insoweit annehmen, als sie meinem ehrlichen Ringen nach Erkenntnis der || Wahrheit und voller Hingabe an die gute Sache gilt. Im Übrigen weiss ich selbst am besten, wie weit das wirklich Erreichte hinter dem Erstrebten, wie sehr die Ausführung der Arbeit hinter dem Entwurfe zurückgeblieben ist.

Es ist mir das unschätzbare Glück zu Theil geworden, als Naturforscher an einem der grössten Fortschritte der menschlichen Wissenschaft mitzuwirken. Die drei Decennien meiner hiesigen academischen Thätigkeit gehören jenem denkwürdigen Abschnitt in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts an, in welchem die siegreiche Entwickelungslehre unsere Erkenntniss vom Wesen und Werden der Dinge unendlich vertieft hat. Aber dieser Sieg der strebenden Vernunft, die Beseitigung altehrwürdiger Vorurtheile, und die monistische Reform unserer Weltanschauung, konnte nur unter harten Kämpfen und schweren Opfern errungen werden. Dass ich in jenen Kämpfen einige Ausdauer bewiesen und diese Opfer willig gebracht habe, rechnen mir meine gütigen Freunde vielleicht sehr zum Verdienst an.

Wenn es mir dabei durch eine Verkettung von glücklichen Umständen gelungen ist, einige brauchbare Steine in den grossen Entwickelungs-Bau der || Menschheit einzufügen, so erblicke ich den schönsten Lohn dafür in der wohlwollenden Anerkennung, Achtung und Liebe, von welcher ich in diesen Tagen so zahlreiche Beweise erhalten habe. Mit der erhebenden Erinnerung an diese schönen Festtage wird auch meine aufrichtige Dankbarkeit dafür unzerstörbar verknüpft bleiben.

Ernst Haeckel

[handschriftliche Anmerkung Haeckels]:

Jena 3.3.94.

Lieber Herr Bölsche!

Seit 14 Tagen schreibe ich nur Adressen für dieses Dankschreiben als Antwort auf 200 Telegramme, 300 Briefe und 600 andere Liebesbeweise, die mir am 16. Febr. in wahrhaft überwältigender Fülle aus aller Welt zugekommen sind! || Daher heute nur in Kürze nochmals meinen innigsten Dank für Ihren herrlichen Geburtstags-Gruss im Febr. Heft der „Freien Bühne“, – nach der Ansicht meiner nächsten Freunde das Beste, was bisher über dieses eigenthümliche Placental-Geschöpf gedruckt worden. Über den herrlichen Verlauf des (höchst gelungenen) Festes werden Sie die übersandten Jena. Zeitungen unterrichtet haben; Näheres kann Ihnen mein Freund Arnold Lang erzählen, der mit Frau hier war.

Mit herzlichsten Grüssen

Ihr treuer Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-03-1894
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.32
ID
42157