Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 26. September 1893

Jena 26. Septbr 1893.

Lieber Herr Bölsche!

Ihrem Wunsche, die wichtigsten Actenstücke zum Hamann-Process – insbesondere Briefe – in der „Freien Bühne“ zu veröffentlichen, entspreche ich mit Vergnügen. Falls Sie es wünschen, kann ich Ihnen nächsten Samstag (– aber nicht früher –) den ganzen Acten-Fascikel schicken, der auch die jesuitische Anklageschrift von Hamann enthält; im Ganzen 100 Fol. Seiten. Da ich selbst natürlich die ganze ekelhafte Klage-Geschichte „bis über die Ohren“ satthabe, und – wenigstens jetzt – nicht selbst darüber Etwas schreiben möchte, stelle ich Ihnen das ganze Material zur Verfügung und bitte Sie die einleitenden Worte u. Anmerkungen dazu selbst zu schreiben; selbstverständlich verzichte ich für alle diesen Fall betreffenden (– auch die früheren –) Artikel u. Mittheilungena in der „Freien Bühne“ auf Autor-Honorar und bitte Sie, das etwaige Honorar für Sie selbst zu behalten. ||

Beifolgend schicke ich Ihnen nun zunächst:

I. Die sieben am meisten characteristischen Briefe von Hn, welche bei der Verhandlung verlesen wurden; br 1− br 7

II. Den Entwurf meiner mündlichen Vertheidigungs-Rede bei der öffentlichen Gerichts-Verhandlung am 21. Sept. Vd 1−Vd 7

III. Die Zusammenstellung der wichtigsten Klagepunkte für die Verhandlung, die jedoch größtentheils nicht zur Sprache kamen (9 folio) G 1−G 12

IV. Eine Sammlungen von Nichtswürdigkeiten aus Hn’s Buche, die ich bei früherem Lesen notirt hatte (13 fol.) d 1−d 13

V. Einleitung zu Ihrer Mittheilung der Hn-Briefe im October-Hefte der „Freien Bühne“; Sie können diese Einleitung beliebig tituliren und verändern F 1−F 3 ||

Die Gerichtsverhandlung selbst war sehr merkwürdig; der schamlose Halunke Hamann wohnteb seiner moralischen Hinrichtung 4 Stunden lang bei; nur als seine Briefe verlesen wurden, lief er fort. Zweimal verlor er die Fassung, erstens als ich auf seine fromme Betheuerung der Religion und des Gottesglaubens erwiderte: – „Es kommt darauf an, was man unter „Gott“ versteht: für mich als Naturforscher ist die Gottheit gleich der Idee der Wahrheit; für Andere ist „Gott“ ein Fetisch oder auch der Preußische Cultusminister – ; – zweitens als ich zur Entschuldigung meiner scharfen Ausdrücke anführte: „Es gibt Fälle, wo der moralische Ekel vor einem nichtswürdigen Menschen alle Schranken durchbricht und selbst besonnene Männer zu strafbaren Beleidigungen hinreist; ich erinnere an die Ahlwardt-Vorgänge im D. Reichstage vor ½ Jahren, dabei sei erwähnt, daß Dr. Hamann von anderer Seite als der „zoologische Ahlwardt“ bezeichnet worden ist. – (G 11,12) ||

Großes Aufsehen erregte bei der Verhandlung in der Corona die Eröffnung, die Hn gleich Anfangs gab, daß ihm „durch seine Berliner Verbindungen die Hände gebunden seien; er könne schon wegen Prof. Du Bois-Reymond die Anklage nicht zurücknehmen“!! –

– Zweitens wirkte drastisch seine Entlarvung als Mitarbeiter an dem Wiener Jesuiten-Blatte, der kathol. Litter. Zeitg.; zu seinen Gunsten producirte er einen Lobesbrief des Redacteurs der Letzteren, Fr. Schnürer! (– selbst Renegat!)

– Ich selbst beruhige mich bei dem Urtheil des Gerichts, da ich alsc moralischer Sieger aus der Verhandlung hervorgehe –; juristisch bin ich natürlich (nach unseren schönen „Gesetzen“) strafbar. Hn ist hingegen für immer gebrandmarkt! –

– In der 2. oder 3. Woche des Oktober komme ich auf 4–5 Tage nach Berlin, und werde Ihnen dann mündlich mehr erzählen!

Mit besten Grüßen, auch an Ihre liebe Frau,

Ihr Ernst Haeckel

P. S. Correctur des Aufsatzes für die Fr. B. (mit dem Brief-Abdruck) würde ich gern lesen. Ich bin bis 6. Oct. hier.

a eingef. mit Einfügungszeichen: u. Mittheilungen; b korr. aus: wohnten; c eingef. mit Einfügungszeichen: als

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-09-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.28
ID
42153