Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 15. Juni 1893

Villa Haeckel. Jena, den 15. Juni 1893.

Lieber Herr Bölsche!

In den nächsten Tagen wird Sie mein Sohn Walter (Landschaftsmaler, 24 J. alt) besuchen, ein großer Freund der „Freien Bühne“, und Ihrer Artikel im Besonderen. Da er nur ein paar Tage in Berlin bleibt, sind Sie vielleicht so freundlich, ihm durch Postkarte mitzutheilen, wo und wann er Sie am besten trifft. || (Adresse: Fräulein B. Sethe, Friedr. Wilhelmstr. 3. pt. W.) Er möchte gern einige Wochen im Spreewald bleiben, um einsame „Stimmungsbilder“ zu malen.

Vielleicht schicke ich Ihnen im Laufe der nächsten Monate einen Artikel für die „Freie Bühne“ − „Der Darwinismus vor Gericht". Herr Dr. Otto Hamann, dem ich im „Monismus“ (S.42, 43) die wohlverdiente Züchtigung ertheilte, hat mich verklagt und verlangt 6000 Mk Schadenersatz wegen „Erwerbsstörung“ u. 1500 Mk Strafe wegen „Beleidigung“. ||

Dieser „gewissenlose Renegat“ ist zum Lohne für sein elendes Machwerk von dem Preuß. Cultus-Minister zum Professor ernannt und an der Königl. Bibliothek in Berlin eine Anstellung (als „Dezement oder Director?“) erhalten; wie es scheint, durch „Einschub“ und „sine cura! – Könnten Sie hierüber Etwas Zuverlässiges erfahren würde ich Ihnen sehr dankbar sein. Die Verhandlung (vor dem hiesigen Schöffengericht) wird wohl Ende Juni sein. –

Mit freundlichen Grüßen an Sie u. Ihre liebe Frau

Ihr treuer Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-06-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Friedrichshagen bei Berlin
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.23
ID
42148