Nippold, Friedrich

Friedrich Nippold, Prorektor der Universität Jena, an Ernst Haeckel, Jena, 12. Februar 1904

Universität Jena

Jena, den 12. Februar 1904.

Hochverehrter Herr Kollege!

Es gereicht mir zu besonderer Ehre und Freude, Ihnen im Namen der ganzen Universität zu ihrem Festtage herzlichsten Segenswunsch darzubringen. Der Senat hat meinen Antrag angenommen, dass mein Brief nicht nur den zeitigen Prorektor vertreten möge, sondern zugleich unsere Professorenschaft als solche. Die Studentenschaft wird mit eigenem Gruße sich anschließen. Denn der 70. Geburtstag von Ernst Haeckel ist zugleich ein Festtag für Stadt und Universität. Der Name keines anderen Gelehrten ist so lange und so eng mit der Ruhmesgeschichte Jenas verbunden wie der Ihrige. Seit Hases Heimgang gelten Sie in der ganzen gebildeten Welt als der Stolz unserer Universität. Schon als Sie dem Ruf nach Jena folgten, brachten Sie einen in den weitesten Kreisen geschätzten Namen mit. Aus der Lebensbeschreibung der berühmtesten Weltreisenden ersah ich noch im Vorjahre, dass ihm schon in den fünfziger Jahren von keinem anderen so wichtige Empfehlungen in alle Weltteile mitgegeben werden konnten, als von Ihnen. Seitdem hat ein hervorragendes Werk nach dem anderen Ihre ungewöhnlich hohe Stellung in den Kreisen der Fachgenossen gefestigt. Daneben haben Ihre künstlerisch vollendeten Reisebilder und Ihre sonstigen kulturgeschichtlichen Darstellungen auch weit ausgedehnten Kreisen anderer Leser hohen Genuss gewährt. In dem Siegeslauf der Naturwissenschaften sind Sie stets einer der Führer, auf den alle blickten, geblieben. Der Kunst und damit auch dem für die Zukunft so wichtigen Kunsthandwerk haben sie neue Gebiete erobert. Die bleibende Nachwirkung aller jener Entdeckungen, über welche sich die Universität mit Ihnen freut, ist völlig unabhängig von dem Urteil des Tages über Fragen, welche selbst dem Tage angehören. Neben Humboldts Kosmos wüsste ich kaum andere wissenschaftliche Werke neben Ihrigen, in welchen so viel unvergängliche Triebkraft enthalten ist.

Über die Spezialfragen, in welchen die heutigen Zoologen und Botaniker verschiedene Wege gehen, steht mir kein Urteil zu. Aber auch dem Laien in der Naturwissenschaft kann es nicht verborgen bleiben, dass auch diejenigen Forscher, welche gegen Einzelpunkte Ihrer Auffassung Einspruch erheben, sich Ihre Terminologie angeeignet haben. Alle Biologen reden von phylogenetischen und ontogenetischen Fragen und setzen diese Ausdrücke als ebenso allgemein bekannt voraus wie den von Ihnen || dem Schiff Plancton entnommenen Terminus technicus: für bestimmte Gruppen von Meeresorganismen.

Unwillkürlich drängt sich bei dem Rundblick auf den außerordentlichen Wert der Forschungen, die Ihnen vergönnt waren, mir heute die Erinnerung auf an eine Definition, in der ich nach dem Hingang meines Spezialkollegen Lipsius den besonderen Wert der Forschungen unserer einzelnen Genossen abzuwägen versuchte. Sie wissen, aus welchen Gründen ich keinen Unterschied zwischen der geschichtlichen und der naturwissenschaftlichen Methode gelten lassen kann, und darum darf ich wohl auch auf den Naturforscher anwenden, was ich damals von der Bedeutung des Geschichtsforschers bemerkt habe, „dass nämlich diese Bedeutung für sein Fach naturgemäß abhänge von dem größeren oder geringeren Gebiet, dass er wissenschaftlich beherrsche“. Ich glaube, dass Sie mit mir einig sind in dem Vordersatz, der dieser Grundthese folgt: „Nur wer innerhalb des von seiner eigenen Forschung umspannten Gebietes von der vorurteilslosen, empirischen Untersuchung ausgeht, auf dem Wege persönlicher Erfahrung eine Beobachtung an die andere reiht, wer auf dem gleichen Wege weiter für jede Einzelerscheinung den allgemeinen Zusammenhang aufsucht, kann überhaupt einen bleibenden Beitrag bieten für das Verständnis der allgemeinen Gesetze des geschichtlichen Werdens und Vergehens.“ Täuscht mich die Voraussetzung nicht, dass wir in dieser Grundfrage gleich denken, so darf ich nun aber auch den Nachsatz direkt auf Ihre Wirksamkeit anwenden: „Wie gering ist nicht ebenso naturgemäß die Zahl derer, welchen es vergönnt gewesen ist, gleich den Entdeckungsreisenden im inneren Afrika oder Australien einen noch kaum bekannten Weltteil zu erschließen, dass jeder nachfolgende gar nicht anders kann, als ihren Spuren zu folgen.“ Dass der ewige Geist, den Sie als Prinzip des Guten, Wahren und Schönen zu verstehen suchen, Sie zu einem dieser Entdecker erwählt hat, kann keiner von denen verkennen, die sich die Mühe geben, von Ihren populären Schriften zu Ihren großen Spezialforschungen aufzusteigen.

Es ist der große Segen unserer Universitäten, dass sie wenigstens das Streben erleichtern, über die in den anderen Disziplinen gewonnenen Ergebnisse sich in etwa zu orientieren. Freilich wird es, je mehr das uns gerade durch die Naturwissenschaft neuerschlossene Wissensgebiet ins Unermessliche steigt, für die Vertreter anderer Fächer um so schwerer, bei Ihrer einem in die Schule zu gehen. Aber bei wenigen ist dies doch wiederum so leicht gemacht wie bei Ihnen. Überall stößt man auf die Verwertung Ihrer berühmten Monographien über Radiolarien und Kalkschwämme. Die große Zahl der Einzelstudien, in welchen Sie reiches neues Material in wahrhaft klassischer Form dargeboten haben, wird von außerordentlich zahlreichen Schülern der eigenen Forschung stetig mehr zu Grunde gelegt. ||

Der durch kein Hemmnis zurückzudrängende Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis legt es naturgemäß gerade uns Gliedern der gelehrten Zunft näher wie anderen, dass wir uns der Grenzen des Einzelwissens bewusst werden. Wir wissen, dass spätere Zeiten scharf unterscheiden werden zwischen unseren Abstraktionen, Theorien und Hypothesen und dem unbestreitbaren Ergebnis unserer Gesamtarbeit. Die Halbbildung weiß diesen Unterschied nicht zu machen. Aber noch beklagenswerter ist es, wenn wissenschaftliche Gegner zu der Waffe persönlicher Schmähungen greifen, wo sich um den Kampf ehrlicher Überzeugung handelt.

Wie heben doch von diesem Gezänke des Tages die ernsten Kontroversen sich ab, die gerade Sie, verehrter Kollege, mit Fachgenossen wie Helmholtz, Virchow, du Bois Reymond geführt haben. Alle diese großen Männer haben dadurch nur um so mehr in Ihnen den ebenbürtigen Genossen schätzen gelernt. Helmholtz sinnige Erklärung über die wissenschaftliche Intuitionsgabe trifft wohl bei keinem anderen so zu als bei Ihrer ausgesprochenen Künstlernatur. Denn es ist eben der glückliche Griff der Intuition, durch welchen Sie fast seit einem halben Jahrhundert der stetig fortschreitenden Wissenschaft in so ganz besonders hohem Grade Dienste geleistet haben.

Indem ich Ihnen denn im Auftrag des Senats den warmen Glückwunsch unserer Universität übermittle, bitte ich mir zugleich zu gestatten, auch persönlich einen aus tiefstem Herzen stammenden Segenswunsch beizufügen als

Ihr verehrungsvoll ergebener Kollege

Nippold

d. Z. Prorektor.

Am Tage der Kantfeier.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
12-02-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 41637
ID
41637