Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Otto Lehmann, Jena, 24. April 1919

Herrn Geheimrat Prof. Dr. Otto Lehmann

(Karlsruhe).

Jena 24. April 1919.

Hochverehrter Herr Kollege!

Ihre freundlichst übersandte philosophische Abhandlung: „Das Als-Ob in Molecularphysik“ habe ich wiederholt mit großem Interesse gelesen und stimme Ihrer Auffassung in den meisten Punkten bei. Ganz besonders danke ich Ihnen für die ehrenvolle Berücksichtigung, welche Sie darin meiner vor 2 Jahren erschienen „Kristallseelen“ zu Teil werden lassen. Da der Ausgangspunkt der letzteren die Radiolarien sind, mit deren höchst fruchtbarem Studium ich mich seit 60 Jahren ununterbrochen beschäftigt habe, freut es mich Ihnen mitteilen zu können, daß die fortgesetzten Untersuchungen über ihre Entwicklung meine Auffassung als „Biokristalle“ befestigte und Ihren Anschauungen über Ihre „Rheokristalle“ noch näher gebracht haben. || Ich bedaure nur, daß es mir nicht vergönnt war, einmal mündlich über diese interessanten Fragen mit Ihnen mich aussprechen zu können. Die geheimnisvollen „Molekularen Richtkräfte“, um deren Erforschung Sie sich so große Verdienste erworben haben, spielen auch in der Gitterbildung der Kieselpanzer der Radiolarien eine große Rolle. –Meine Arbeitskraft ist leider jetzt erloschen und ich kann die neueren ergänzenden Untersuchungen nicht mehr abschließen. Seitdem ich vor 2 Monaten mein 85. Lebensjahr vollendet habe, nimmt meine Gesundheit beständig ab. Ich bin den ganzen Winter nicht aus der Stube gekommen und leide auch an den Folgen der mangelhaften Ernährung. ||

Leider gestalten sich ja auch die allgemeinen politischen Verhältnisse immer trostloser, so daß ich froh bin, die zunehmende Verelendung unsers armen zusammengebrochenen Vaterlandes nicht länger mehr erleben zu müssen. Ich sehe keinen vernünftigen Ausweg aus dem Chaos, in welches uns der wahnsinnige Weltkrieg (– und jetzt die „Sozialisierung“!) – gestürzt hat.

Da Sie im October mit 65 Jahren sich zur Ruhe setzen wollen, wünsche ich Ihnen für das „Otium cum dignitate“ noch lange friedliche Schaffensjahre in Ihrem idyllischen Schwarzwald-Laboratorium nahe der Hornisgrinde.

Indem ich Ihnen für die vielen wertvollen Anregungen, welche ich aus Ihren ausgezeichneten Arbeiten erhalten habe, meinen herzlichsten Dank wiederhole, bleibe ich stets Ihr aufrichtig ergebener

Ernst Haeckel.

[Widmung auf beiliegender Porträtpostkarte Haeckels]

Herrn

Geheimerat

Professor Dr.

Otto Lehmann

Karlsruhe ||

Jena, 24.4.1919.

Dem Entdecker der flüssigen (– und wirklich lebenden! –) Kristalle verehrungsvoll

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-04-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Karlsruhe
Besitzende Institution
Karlsruher Institut für Technologie
Signatur
KIT-Archiv, 27059/1
ID
41373