Haeckel, Ernst

Bericht Ernst Haeckels an den Kurator der Universität Jena, Heinrich Eggeling, über die Gründung eines Biologischen Museums, Jena, 24. Dezember 1905

Jena, den 24. December 1905

Bericht

von Professor Ernst Haeckel

über Gründung eines Biologischen Museums in Jena

Hochgeehrter Herr Curator!

Wie Ihnen bekannt ist, haben sich die Räume des jetzigen, 1883 eröffneten Zoologischen Instituts schon seit mehreren Jahren als völlig unzureichend zur Aufnahme seines reichen Inhalts erwiesen. Schon vor der Zeit des Baues (1881) wurde ein verhängnisvoller Fehler dadurch begangen, daß von dem ursprünglich disponierten Raum aus Sparsamkeitsrücksichten ein Meter Breite abgeschnitten, auch die Unterkellerung || der einen Hälfte unterlassen wurde. Später wuchsen die Sammlungen in unverhoffter Weise dergestalt an, daß bald alle disponierten Räume überfüllt wurden. Gegenwärtig ist ein großer Teil der kostbaren Sammlungen und der Bibliothek auf dem Bodenraum des Dachgeschosses aufgespeichert. In der öffentlichen Schausammlung mußten die Gegenstände aus Mangel an Raum so dicht zusammengedrängt und zum Teil durcheinander gestellt werden, daß jede übersichtliche systematische Ordnung ausgeschlossen ist.

Da Sie selbst, hochgeehrter Herr Curator, sich wiederholt wiederholt durch den Augenschein von den unhaltbaren Uebelständen dieses Raummangels überzeugt haben, erscheint eine nähere Begründung derselben überflüssig. Die verschiedenen Projekte, ihnen durch Erweiterung, Anbau oder Erhöhung des jetzigen Instituts-Gebäudes abzuhelfen, haben bisher kein praktisches Resultat ergeben. Nunmehr eröffnet sich aber jetzt die erfreuliche Aussicht auf gründliche und dauernde Abhülfe dadurch, daß eine Teilung des Museums und Uebernahme der Hälfte seines Inhalts in ein neu zu gründendes „biologisches Museum“ ins Auge gefaßt werden kann.

Vor kurzem (am 16. Dezember) erhielt ich von einem nahestehenden Freunde, der sich für diese ihm wohlbekannten Verhältnisse sehr interessirt, die Mitteilung, daß er selbst, im Vereine mit mehreren begüterten älteren Schülern von mir, den Plan entworfen habe, zur bleibenden Erinnerung an meine hiesige, jetzt 90 Semester umfassende || Dozenten-Tätigkeit ein selbstständiges „Ernst Haeckel-Museum“ zu gründen. Dabei wurde der Vorschlag gemacht, eine darauf bezügliche „Ernst Haeckel Stiftung“ zur Feier meines 75sten Geburtstages (16. Februar 1909) ins Leben zu rufen. Die erforderlichen Mittel dazu sollen zum Teil durch eine öffentliche Sammlung von meinen Schülern und Anhängern aufgebracht werden; der Ertrag dieser Sammlung ist nach vorläufiger Berechnung auf ungefähr Dreißig Tausend Mark zu schätzen. Die gleiche Summe ist von anderer Seite als eventueller Beitrag in Aussicht gestellt. Die 60.000 Mark, die hierdurch von vornherein verfügbar erscheinen, würden etwa die Hälfte der erforderlichen Kosten (120 Tausend Mark) decken. Die andere Hälfte würde von der Großherzoglichen Regierung, der Universität und der „Carl Zeiss-Stiftung“ aufzubringen sein. Das neue „Ernst Haeckel-Museum“ würde das von mir früher ins Auge gefaßte „Biologische Museum“ (– mit ungefähr der Hälfte des jetzigen, von mir selbst gesammelten Inhalts des Zoologischen Museums –) umfassen und würde mit seinem gesamten Inhalte unveräußerliches Eigentum der Universität Jena bleiben. Ich selbst würde als Geschenke demselben (– außer den von mir gesammelten Naturalien –) die wertvollen in meinem Besitz befindlichen Kunstgegenstände und Literatur-Materialien überlassen, deren Vereinigung in einer besonderen Sammlung schon früher ins Auge gefaßt worden war.

Der beiliegende rohe Entwurf für den eventuellen Plan des „Haeckel-Museums“ soll nur vor-||läufig andeuten, wie ich mir ungefähr die Sammlungen in den Räumen des zweistöckigen Gebäudes untergebracht denke. Ähnlich wie in dem jetzigen zoologischen Museum würde nur ein Eingang (vorn in der Mitte) sein, mit vor Saal (No. 1) und Treppenhaus; Parterre unten links (No. 2) die Diener-Wohnung, mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Abort. Unten rechts ein großer Arbeitssaal (No. 3) mit Laboratorium und Praeparatorium. Die drei Sääle unten und hinten: No. 4. Bibliothek und Manuskripte, No. 5. Die indischen Sammlungen (Ceylon, Java, Sumatra) von mir, und die australischen Sammlungen von Professor Dr. Richard Semon. – No. 6. Schränke mit biologischen Materialien und Vorräten (jetzt größtenteils im Bodenraum des zoologischen Instituts ohne Ordnung aufgehäuft). || Der größte Teil des oberen Stockwerks würde die wertvolle Wirbeltier-Sammlung aufnehmen, die sehr kostbare und seltene Stücke enthält und in den beschränkten Räumen des jetzigen Zoologischen Museums überhaupt nicht zur Geltung gelangt; vom oberen Vorsaal des Treppenhauses (No. 7) rechts der große Saal der Säugetiere (darunter die kostbare Primatensammlung), No. 9 –; dann hinten oben die Vogelsammlung (No. 12), sehr reichhaltig; die Amphibien und Fische (No. 11) – die Korallen-Sammlung (No. 10), eine der kostbarsten in Europa, größtenteils von mir selbst gesammelt im Roten Meer (1873), in Ceylon (1881), Insulinde (Java und Sumatra, 1901). Endlich würde der Kunstsaal (No. 8), die persönlich mich betreffenden und von mir zu schenkenden Kunstgegenstände und Erinnerungen enthalten: || u. A. 2 Marmorbüsten von Berman und Herold, 2 Ölgemälde (Porträts) von Lenbach und Gabriel Max, sowie das berühmte Pithecanthropus-Bild des Letzteren; ferner Ölgemälde und Aquarelle von mir selbst, Plaketten und andere Memorabilien.

Bei beschränkten Mitteln könnte auch der ganze obere Stock als ein großer Saal (mit Oberlicht) ausgeführt werden, in welchem ein mittlerer Hauptgang den Einblick in zwei seitliche Reihen von Nischen gewährt. Die hohen Kosten für zahlreiche Glasschränke könnten dadurch erspart werden.

Als Bauplatz für das Haeckel Museum sind vorläufig zwei verschiedene, im Besitze der Universität befindliche Oertlichkeiten ins Auge gefaßt, beide nahe dem jetzigen Zoologischen Museum.

Entweder: I: die südliche Ecke vom östlichen Vorgarten des || letzteren (wo jetzt eine Laube und als alte Turm-Ruine steht), Hauptfront östlich unmittelbar über der Kahlaischen Straße (gegenüber Haltestelle Paradies); Seitenfront südlich gegen das Haus Hartung (– eventuell auch Hauptfront mit Eingang nördlich, Seitenfront westlich –) –

oder II: das Gartengrundstück zwischen der Sternwarte und der Villa Richter (früher zu letzterer gehörig); Eingang vom Schiller-Gäßchen, Hauptfront gegen die Ernst-Häckel-Straße.

Die Kosten für die Unterhaltung des Häckel-Museums und seines (parterre darin wohnenden) Dieners oder Custos könnten größtenteils aus den Erträgen der Ritter-Stiftung bestritten werden. Von den Zinsen derselben (jährlich ca. 10.000 Mk.) ist bisher die Hälfte für Gehälter verwendet worden, die andere Hälfte größtenteils für Reise-Stipendien und || Bibliotheks-Ausgaben; letztere könnten eingeschränkt werden.

Das Haeckel-Museum könnte als Dependence des Zoologischen Museums betrachtet und mit diesem gemeinsam unter die Direktion des jeweiligen ordentlichen Professors der Zoologie gestellt werden. Die Anstellung eines besonderen, darin wohnenden Dieners ist schon deshalb wünschenswert, weil er für die Reinhaltung und Ordnung in demselben zu sorgen hat; außerdem für die Aufsicht während der öffentlichen Besuchsstunden des Publikums. Derselbe könnte zugleich den Mangel eines besonderen Präparators und Custos der zoologischen Sammlungen ersetzen wie er auf den meisten deutschen Universitäten neben dem Hauptdiener besoldet wird. Doch könnte für die Konservation der Sammlungen zunächst auch ein zweiter Assistent ausreichen. ||

[eigenhändiger Plan, Haeckel-Museum in Jena. – Oberer Stock. Haeckel-Museum in Jena. Unterer Stock.]

Die Arbeitsteilung zwischen beiden Dienern (Hausdiener und Custos) müßte vom Direktor zweckmäßig geregelt werden. Der jetzige (einzige) Diener des zoologischen Museums ist außer Stande, alle erforderlichen Arbeiten zu besorgen.

Die vorgeschlagene Verteilung der zoologischen Sammlungen (– wie sie jetzt in den meisten Instituten als Scheidung von Schausammlung und Schulsammlung durchgeführt ist) erscheint hier um so zweckmäßiger, weil alsdann die jetzigen Räume des Zoologischen Museums für die Unterrichtssammlung allein ausreichen werden. Hingegen werden dieselben von der Schausammlung (die ungefähr die Hälfte des Raums in Anspruch nimmt) entlastet.

Sollte das Projekt des neuen „Haeckel-Museums“ (– das natürlich hier nur vorläufig im allgemeinen || Umriß angedeutet werden konnte –) sich nicht realisieren lassen, so müßte ich bei dem stetig fühlbarer werdenden Raummangel dafür Sorge tragen, einen Teil der Sammlungen aus dem jetzigen Zoologischen Museum zu entfernen. Es müßte dann namentlich die wertvolle australische Sammlung von Professor Semon (welche die Originalexemplare für sein großes Reisewerk enthält und bisher wegen mangelnden Raumes nicht ordnungsgemäß aufgestellt werden konnte), – ebenso auch ein Teil meiner indischen Sammlungen – an ein größeres Museum (Berlin oder München) abgegeben werden.

Bei dem lebhaften Interesse, das Sie selbst, hochgeehrter Herr Curator, dem Gedeihen und Wachstum der hiesigen zoologischen Anstalten fortdauernd bewährt haben, darf ich wohl hoffen, daß Sie diese vorläufigen Vorschläge einer wohlwollenden Prüfung unterziehen und eventuell bei der hohen Staatsregierung befürworten werden.

In vorzüglicher Verehrung

Ihr ergebenster

Professor Dr. Ernst Haeckel

Director des Zoologischen Instituts.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
24-12-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
C 640 (unpaginiert)
ID
41254