Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Bad Wildungen, 21. August 1908

Bad Wildungen, Villa Victoria

21.8.1908.

Lieber Herr Doctor!

Der verflossene Monat, mit einer unglaublichen Überlastung von Briefen, Besuchen, akademischen Geschäften etc gehört zu den unruhigsten meines Lebens; erst seitdem ich (vorgestern) hierher geflüchtet bin, komme ich endlich zur Ruhe und zum Schreiben. Ich hoffe in diesem idyllischen Bade, das mir schon vor 2 Jahren sehr gut bekommen ist, meinen ermüdeten Organismus nocheinmal zu kräftigen. Ich bleibe 3–4 Wochen hier; die freie Zeit muß ich mit Haufen rückständiger Korrekturen ausfüllen (Nat. Schöpf., Insulinde, Welträtsel etc) ||

Die Benutzung meiner beiden letzten Arbeiten (Festrede und Festschrift zum 30.7.) für Ihre Zeitschrift gestatte ich Ihnen gern. Nur müssen Sie wegen eventuell. Abdrucks der Tafeln bei Dr. Gustav Fischer anfragen. Honorar habe ich für beide Arbeiten nicht erhalten. –

Den „Katechismus des Monismus“ von Dr. L. Hopf (dessen Buch „Das Spezifisch Menschliche“) ich sehr hoch schätze) habe ich mit großem Interesse gelesen; er befriedigt ein oft geäußertes Bedürfniß und wird sicher guten Erfolg haben. Ein Vorwort dazu kann ich nicht schreiben, || da ich alle (– oft wiederkehrende –) Gesuche um einleitendes Vorwort ablehnen muß.

Die infamen Lügen von Dr. Brass zu widerlegen,a (– die an Frechheit alles bisher dagewesene übertreffen –) ist ohne gerichtliche Klage kaum möglich. Zu dieser kann ich mich aber vorläufig nicht entschließen, eingedenk des Falles „Hamann“! – Die sophistischen Anklagen wegen „Fälschung der Embryonen-Bilder“ (– für den Sachkundigen lächerlich! –) könnten nur durch das Gutachten eines Embryologen-Sachverständigen-Ausschusses entkräftet werden, und selbst dann wäre der Ausfall zweifelhaft. Mit solchen Gegnern wird man nie fertig. || Offenbar hofft Dr. Brass, dessen akademische Laufbahn mißglückt ist, durch die beständigen Angriffe auf mich in Berlin Carriere zu machen und „Professor“ zu werden, wie es so eben seinem frommen Gesinnungsgenossen Dennert geglückt ist. Die Erfolge des jesuitischen „Keplerbundes“ unter solchen Führern werden nicht lange vorhalten.

Mit frdl. Grüßen

Ihr alter

E. Haeckel.

21. 8. 08.

Das freundliche Geschenk des Herrn C. O. Radde, das er dem neuen Phyletischen Archivs in Jena widmen will, das Bild von meinem Freunde Conrad Deubler, werde ich mit herzlichem Dank annehmen und in der Porträt Gallerie des Phyletischen Museums aufstellen. Daselbst befindet sich u. A. auch das schöne große Album zum 70. Geburtstage von Fritz Müller (mit photograph. Porträts der zeitgenössischen Naturforscher) – welches sein Neffe, Alfred Möller (Eberswalde) zum 30. Juli uns geschenkt hat.

M. b. Gr.

Ernst Haeckel

a eingef. mit Einfügungszeichen: zu widerlegen,;

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
21-08-1908
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41073