Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Hermann Allmers, Jena, 5. Juni 1862

Jena, 5. Juni 62.

Liebster, bester Freund!

Von Woche zu Woche habe ich auf ein gewisses Faktum gewartet, um einen längst beabsichtigten Brief an Dich loszulassen! Dieses Faktum ist jetzt glücklich vollendete Tatsache! Ich stelle mich Dir nämlich feierlichst als – Professor extraordinarius Zoologiae et Director Musei Zoologici Jenensis in alma Litterarum Universitate Jenensi vor. Respekt vor einer solchen akademischen Größe! Die nächste Folge dieses wichtigen Ereignisses wird nun sein, daß ich möglichst bald heirate … Ich habe unter den speziellen Kollegen viele treffliche Freunde. Auch mit den Vorlesungen geht es recht gut, und ich kann mit dem Anfang der akademischen Karriere sehr zufrieden sein. Ich lese jetzt Knochen- und Bänderlehre des menschlichen Körpers vor 20 Zuhörern. Das ungezwungene, freie Leben hier ist ganz prächtig und behagt mir im höchsten Grade. Die ganz reizende Landschaft gewinne ich mit jedem Tage lieber ... Das einzige, was ich hier vermisse, ist reges politisches Leben, für welches ich seit etwa einem Jahre außerordentlich lebhaftes Interesse gewonnen habe. Der herrliche Aufschwung unseres Volkes ist aber auch so großartig, daß er eigentlich jeden biederen Patrioten fortreißen und begeistern muß. Für die Fortschritts-Partei schwärme ich förmlich und verschlinge täglich mit Hast die Zeitungen, die mir die Kammerberichte bringen ...

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-06-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Original verschollen
ID
40727