Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Ajaccio, 18. September 1899

Ajaccio (Corsica)

Hôtel Continental. 18. Septbr. 1899.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Entschuldigen Ew. Hoheit gütigst, daß ich Ihnen erst heute schreiben und Ihnen und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin meinen herzlichsten Dank für die liebenswürdige Gastfreundschaft abstatte, welche Sie mir im August in Altenstein erwiesen haben. Die drei schönen Tage, welche ich dort auf Ihrem herrlichen Schlosse verweilen durfte, gehören zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Sie bildeten das verheißungsvolle Vorspiel für die größere Studien-Reise, welche ich am 12. August von Jena aus antrat, und welche seitdem sehr glücklichen Verlauf gehabt hat. ||

Den Beginn bildeten einige Besuche (von je 3 Tagen) bei alten Freunden: Prof. Gegenbaur (Heidelberg), Dr. Paul von Ritter (Basel) und Prof. Lang (Zürich); der Letztere (mein erster „Ritter-Professor“) einer meiner besten und treuesten Schüler (seit 2 Jahren Rector der Universität Zürich). –

Eine sehr schöne Woche verlebte ich sodann im Genusse der großartigen Montblanc-Kette (Col de Balme, Charmonix, Mer de Glace etc). Dann kamen drei herrliche Tage an dem lichtblauen See von Annecy (Haute Savoie) und 3 andere in der Dauphine’e (Grenoble-Pilgerfahrt nach der Grande Chartreuse, wo ich im Refectorium mit den Karthäuser-Mönchen tafelte und wunderthätige Heiligenbilder anstaunte). Sehr interessant war ein Besuch der unterirdischen Grotten, Seen u. Wasserfälle der Furon bei Sassenage. ||

Die Fahrt durch die Alpen der Dauphine von Grenoble über Veynes nach Marseille (über den 1150 Meter hohen Kreuzberg-Paß) ist sehr interessant (11 Stunden). In Marseille traf ich am 7. Septb. ein und hatte am 8. eine wundervolle Überfahrt (von 16 Stunden) nach Ajaccio. Ich blieb die ganze, milde u. sternenklare Nacht auf dem Deck u. unterhielt mich mit „kosmologischer Perspective“, Meeresleuchten und prächtigem Wetterleuchten in Osten.

Da ich es hier am 9.9. noch sehr heiß fand, widmete ich 8 Tage dem Besuch des großartigen, ganz einsamen Hochlandes von Corsica (Vizzcevona, Monte d‘Oro, Corte, Monte rotondo – zwischen 7 und 8000 Fuß Höhe). Die wilde Scenerie der tiefeingerissnen Granitschluchten, mit Wasserfällen, prächtiger Vegetation etc. ist höchst fesselnd, ich durchwanderte dieselben tagelang allein, ohne einem Menschen zu begegnen. ||

Nun beginnt jetzt hier in Ajaccio die zoologische Arbeit. Wenn mir die Meeresgötter günstig sind und schöne lebende „Kunstformen der Natur“ liefern, denke ich 4−5 Wochen hier zu bleiben. Ich bin in dem großen Hôtel Continental (von dem Schweizer Wirth Hofer gehalten) sehr gut installiert. Noch ist Alles leer. Die eigentliche Saison (für Lungenkranke) beginnt erst Mitte October.

Ich hoffe, daß Ew. Hoheit und Ihre hochgeehrte Frau Gemahlin, der ich mich ehrerbietigst empfehle, eine recht schöne und für Ihre Gesundheit erfolgreiche Reise nach England gehabt haben, und daß Ihnen das schöne Herbstwetter eben so beständig treu war, wie mir; ich hatte in diesen 5 Wochen nur 2 Regentage.

Mit den besten Wünschen, und der Versicherung aufrichtigster Verehrung und Dankbarkeit

Ihr ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
18-09-1899
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1332
ID
40143