Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Jena, 28. März 1902

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena

28.3.1902.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Die Nachricht von Ihrer Abreise nach Corsica, die Ew. Hoheit mir telegraphisch mitzutheilen die Güte hatten, ist mir eine große Freude gewesen. Ich hoffe sehr, daß der Frühlings-Aufenthalt auf dieser herrlichen Insel Sie und Ihre hochverehrte Frau Gemahlin in jeder Beziehung vollauf befriedigen wird, und daß Sie nicht bereuen werden, meinem wohlgemeinten Rathe gefolgt zu sein. Hoffentlich trägt auch der sonnige April-Himmel und die blumenreiche Frühlings-Flora zum heiteren Genusse || der großartigen Landschaft bei; der bunte Teppich von Anemonen und Narcissen, Crocus und Labiaten, ferner die zierlichen Orchideen-, Ophryo- und Serapias-Arten – die in Menge den Buschwald der Macchie und die sonnigen Hügel zieren, sind mir von meinem ersten Frühlings-Aufenthalte her (April 1875) noch wohl erinnerlich. Freilich wird die großartige Scenerie des Hochgebirges, der Buchen-und Fichten-Wald von Vizzarona und Monte d’Oro, sowie das prachtvolle Restonica-Thal bei Corte (am Monte Rotondo) jetzt wohl noch nicht zugänglich sein; diese lernte ich erst im Herbst (September) 1899 kennen. ||

Versäumen Sie nicht, von Ajaccio (in 2 Stunden) nach dem Berg-Talort des Principe Pozzo di Borgo (mit großem Garten und herrlicher Aussicht) hinaufzufahren; der alte Herr ist sehr liebenswürdig gegen Fremde und freut sich, wenn sie seine schöne Bibliothek und Raritäten bewundern.

Meine besten und aufrichtigsten Glückwünsche sende ich Ew. Hoheit zu Ihrem bevorstehenden Geburtstage. Möge das neu beginnende Lebensjahr für Sie und Ihre Familie in jeder Beziehung ein gesegnetes und erfreuliches bleiben! Möge diese corsische Reise Ihnen nur angenehme Erinnerungen bescheren. ||

Der gütigen Aufforderung Ew. Hoheit, Ihnen in Ajaccio einen Besuch abzustatten, werde ich schwerlich folgen können; die Composition der 30 Tafeln für die 3 letzten Hefte der „Kunstformen der Natur“ kostet viel Mühe und Zeit und wird wohl die ganzen Oster-Ferien in Anspruch nehmen.

Dem milden Winter in unserem lieben Thüringen ist ein rauher Nachwinter gefolgt; seit einigen Tagen liegt der Schnee oben auf dem Walde (ebenso wie im Harze) meterhoch. Die Nachtfröste dauern fort.

Mit den ehrerbietigsten Grüßen von mir und meiner Frau an Ew. Hoheit und Ihre hochverehrte Frau Gemahlin

Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
28-03-1902
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1333
ID
40139