Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Jena, 20. Oktober 1904

Jena 20. October 1904.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Im Hinblick auf das freundliche Interesse, das Ew. Hoheit meinen früheren biologischen und philosophischen Schriften geschenkt haben, erlaube ich mir Ihnen beifolgend mein letztes Buch, die „Lebenswunder“, ergebenst zu überreichen. Ich hatte gewünscht, Ihnen dasselbe gleich nach seinem Erscheinen (vor 3 Wochen) senden zu können. Ich war aber damals noch in Italien, und als ich kürzlich zurückkehrte, schrieb mir der Verleger, daß die erste Auflage (3000 Expl.) bereits völlig ausverkauft sei. ||

Der Druck des Buches wurde erst Mitte September vollendet, und da ich durch die ununterbrochene anstrengende Arbeit des Sommers sehr ermüdet war, beschloß ich, die letzten September-Wochen noch zu einem „ultramontanen“ Erholungs-Ausfluge zu benutzen.

Mehreren dringenden Einladungen folgend fuhr ich zunächst direct nach Rom, um an dem großen universalen „Freidenker-Congress“ Teil zu nehmen (20.−23. Septbr)a. Das Programm dieses Congresses war ursprünglich der monistischen Philosophie gewidmet, so daß ich auf mehrfachen Wunsch für denselben die 30 Thesen verfaßte, die in dem Artikel: || „Der Monistenbund“ (in Nr. 13 des beiliegenden Heftes des Frankfurter „Freien Wortes“) veröffentlicht sind. Leider nahm aber der Congress einen ganz anderen Verlauf als versprochen und erwartet war.

Unter den 4000 Teilnehmern befanden sich nur 60 Deutsche. Die Mehrzahl waren Romanen, (über 2000 Italiäner, 1200 Franzosen, 600 Spanier), und diese hatten überwiegend politische Zwecke; viele darunter waren Republicaner, einzelne auch (blödsinnige!)b Anarchisten. Die philosophische Seite des Gedankens, wie sie meine Thesen formulirten, kam gar nicht zur Discussion, so daß ich mich jeder weiteren Teilnahme an der Discussion enthielt.

Ich flüchtete schon am 24. Septbr aus dem babylonischen Höllen-Spectakel des Congresses in das wilde Volsker-Gebirge, wo ich herrliche goldene Herbsttage genoß und in idealer „Natur-Einsamkeit“ 20 Aquarell-Skizzen malte (Terracina, Velletri, Norma, Ninfa – das märchenhafte „Pompeji des Mittelalters“ – Gregorovius).

In nächster Woche beginnen nun wieder unsere Vorlesungen, für die ich neue Kraft und Lust geschöpft habe.

Hoffentlich haben Ew. Hoheit und Ihre hochverehrte Frau Gemahlin einen recht schönen Herbst genossen. Indem ich Ihnen Beiden ehrerbietigste Grüße sende, bleibe ich in aufrichtigster Verehrung

Ihr dankbar ergebener

Ernst Haeckel.

a eingef.: (20.−23. Septbr); b eingef.: (blödsinnige!)

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
20-10-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1334
ID
40128