Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Rapallo, 27. Dezember 1903

Rapallo, Riviera Levante.

Hôtel Eden. 27. Decbr. 1903.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Zum bevorstehenden Jahreswechsel erlaube ich mir Ew. Hoheit und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin meine besten Glückwünsche zu senden. Ich befinde mich mit meiner Frau seit zwei Monaten hier in Rapallo recht wohl; das milde Seeklima der schönen Riviera bekommt uns gut und wir genießen die Vorzüge des südlichen Winters. Meine Frau, die letzten Winter in Jena sehr leidend war, hat sich hier sehr erholt und kann täglich im Freien am Strande sitzen und spazieren. ||

Ich benutze die freie Zeit dieses Winterurlaubs, um in ungestörtem Zusammenhang eine schwierige größere biologische Arbeit fertig zu stellen, die ich schon seit längerer Zeit geplant hatte. Das Glockengeläut der nahen Kirche sorgt Morgens fünf Uhr dafür, daß ich pünktlich aufstehe. Dann wird bis zum Frühstück um 12 Uhr tüchtig gearbeitet. Den Nachmittag benutze ich zu Excursionen und zu Aquarell-Skizzen, für welche der malerische Strand viele schöne Motive liefert. Die Abende, von 5−10 Uhr (– mit Unterbrechung des Pranzo, 7−8 –) werden zum Lesen und Schreiben benutzt. ||

Da der Fremden-Besuch hier bis jetzt spärlich ist, sind wir in unserem kleinen und bescheidenen Hôtel Eden nur mit wenigen Gästen zusammen. Rapallo kommt als Kurort erst jetzt mehr in Aufnahme und entbehrt noch des erwünschten Comforts für verwöhnte Wintergäste. Das nahe, nur ½ Stunde entfernte Sta. Margherita bietet mehr und ist besser besucht. In dem neuen und sehr eleganten großen Schweizer Hôtel Miramare wohnten kürzlich auch Herr Baron von Schleinitz und Gemahlin, denen ich auf Spaziergängen zweimal begegnete. ||

Die nächste Umgebung von Rapallo, hohe bewaldete Berge (600−700 mtr) schöne Gärten mit Schlössern und Villen, felsiger Strand mit alten Bäumen, sind sehr mannichfaltig und bieten Gelegenheit zu vielen Spaziergängen. Die Absicht, nach Neujahr nach Sicilien überzusiedeln, habe ich aufgegeben, da ich hier genug Arbeitsmaterial finde. Wir werden bis Anfang März hierbleiben, dann wohl noch einige andere Punkte der Riviera oder der Italiänischen Seen besuchen, und hoffen Ende April wieder in Jena zu sein.

Meine Frau empfiehlt sich Ew. Hoheit und Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin bestens, ebenso in aufrichtigster Verehrung

Ihr ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
27-12-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1334
ID
40111