Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Georg II., Herzog von Sachsen-Meiningen, Jena, 28. März 1906

Zoologisches Institut

der Universität Jena.

Jena 28.3.1906.

Durchlauchtigster Herr Herzog!

Ew. Hoheit werden an ihrem 80.sten Geburtstage mit einer solchen Fülle von Glückwünschen und von Huldigungen aller Art überschüttet werden, daß Sie deren Genuß gewiß gern auf einige Tage verteilen. Daher gestatte ich mir mit meinen bescheidenen, aber herzlichen und aufrichtigen Glückwünschen schon heute unter dem Vortrabe der kleinen „Minores gentes“ zu erscheinen und Ihnen mit wenigen Worten Alles das Gute zu sagen, was bei einem so erfreulichen und außerordentlichen Festtage nur immer gewünscht werden kann. ||

Mit Vergnügen las ich heute in Nr. 13 der Münchner „Jugend“ die wohlverdiente Huldigung, die Ew. Hoheit als „Regisseur von Gottes Gnaden“ von Edgar Steiger im Namen des von Ihnen so erfolgreich reformirten Deutschen Theaters dargebracht wird. Nicht geringer aber als diese glänzenden und allgemein anerkannten dramatischen Verdienste schätze ich die hohen, wenn auch weniger in die Augen fallenden Verdienste, die sich Ew. Hoheit durch Ihr warmes Interesse für alle Zweige der Wissenschaft und durch die Förderung freier geistiger Entwickelung erworben haben. ||

Es ist dieses Jahr das erste Mal, daß ich mich Ihnen nicht nur als Professor Jenensis mit der unserem Durchlauchtigsten Nutritor schuldigen Dankbarkeit und Verehrung nahe, sondern auch als Ihr gehorsamster „Untertan“. Wie ich bereits Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin kürzlich mitteilte, bin ich seit dem 16. Febr. d. J. „Meiningischer Großgrundbesitzer“ – nämlich Eigentümer der herrlichen, waldumkränzten „Ammerbacher Platte“, jener malerischen, zu Lichtenhain gehörigen Felspartie, deren großartige Aussicht ich Ew. Hoheit bei Ihrem hiesigen Besuche zu zeigen die Ehre hatte. Einige Freunde haben mir dieses Belvedere, meinen Lieblingspunkt, zum 72. Geburtstage angekauft. ||

Nachdem vor 10 Tagen der Frühling mit warmem Sonnenglanze hier einzuziehen schien, trat bald ein gewaltiger Wettersturz ein, und seit 6 Tagen sind die Berge unseres Saaltals mit fußhohem Schnee bedeckt – bei -6 °C. Kälte in der Nacht. Leider sind die schön entwickelten Knospen der Bäume großenteils erfroren.

Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin bitte ich mich bestens zu empfehlen und meinen herzlichen Dank für den schönen Blumengruß von der Riviera auszusprechen.

Mit besten Wünschen in aufrichtiger Verehrung

Ihr dankbar ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
28-03-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 1335
ID
40099