Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Jena, 24. Juni 1916

Jena 24. Juni 1916.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Die herrlichen Alpenrosen, die Sie mir gestern durch Eilboten sandten und die heute in voller Frische hier angelangt sind, haben mir am heutigen Johannisfeste eine ganz besondere Freude bereitet – zugleich als Ersatz für die fehlenden Johannisfeuer, die sonst alljährlich am Abend dieses Festtages von den Bergen unseres Saaltals die Feier der Sonnenwende verkünden. Dies Jahr sind sie ausgeblieben: es fehlen die Leute und die Stimmung, das Geld und die Genußmittel, die die Geselligkeit fördern. Zudem überschwemmte heute Nachmittag ein gewaltiges Gewitter mit tropischen Regengüssen die Berge; übrigens eine sehr willkommene Abkühlung nach der Hitze der letzten Tage und Erfrischung unserer Wiesen und Felder, die glücklicherweise eine sehr gute Ernte versprechen. ||

Ich selbst bin auch durch viele traurige Verluste im Kreise meiner Verwandten und Freunde, Schüler und Kollegen in Mitleidenschaft gezogen; von unseren hoffnungsvollen Jenenser Studenten ist bereits der siebente Teil gefallen! Und täglich erhebt sich immer dringender die schwere Frage: Wann? Wie und Wo? soll der ersehnte Friede dieser beispiellosen Götter-Dämmerung ein Ende machen? Ich teile die pessimistische Stimmung vieler älterer und erfahrener Kollegen, daß die Neugestaltung aller Verhältnisse, die notwendig nach dem Kriege eintreten muß, nicht den meist gehegten Hoffnungen und Wünschen entsprechen wird. Unersetzliche Werte und Kräfte sind für immer verloren; und wie soll der internationale Verkehr aussehen? ||

Mit herzlichster Teilnahme habe ich die Nachricht von den schweren Verlusten erhalten, welche der entsetzliche Weltkrieg dem Hause des Herzogs von Meiningen gebracht hat. Dabei habe ich es oft als ein Glück empfunden, daß Ihrem unvergeßlichen Herrn Gemahl, meinem hochverehrten und aufrichtig bewunderten Gönner, der Schmerz erspart worden ist, alle diese Verluste und die tausendfachen Sorgen, welche das gegenseitige Hassen und Morden der (– christlichen! –) Kulturvölker uns alltäglich vor Augen führt, persönlich erleben zu müssen! ||

Es ist gut, daß auch meiner lieben Frau, deren zarte Gesundheit schon in den ersten Monaten des Weltkrieges schwer litt und deren feines Empfindungsleben seelisch und körperlich dessen endlose Fortsetzung kaum ertragen haben würde, durch ein sanftes Ende der ersehnte ewige Friede geschenkt worden ist.

Meine älteste Enkelin Else Meyer (21 Jahre), die seit dem Verluste meiner Frau mein Hauswesen leitet, und deren ungewöhnliche Begabung meine künstlerischen und wissenschaftlichen Neigungen fördert, ist mir in der grünen Einsamkeit meines Gartens und Hauses eine sehr liebe Gefährtin. Sie hat sich auch über Ihre Alpenrosen sehr gefreut und verbindet ihren herzlichen Dank mit dem meinigen!

Mit besten Wünschen

Ihr treu ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
24-06-1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39989