Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 17. Februar 1870

Jena 17 Febr 70

Liebste Eltern!

Vielen Dank für die gestrige Sendung, die richtig am Morgen eintraf. Besonders Dir, herzlichsten Dank, beste Mutter, für Deine liebevolle Sorgfalt und Deinen Brief. Der gestrige schwere Tag, der ja immer für mich reich an den schmerzlichsten Erinnerungen ist, verlief mir doch a viel ruhiger und besser, als in den früheren Jahren. Das schöne Familienglück, das ich jetzt mit Frau und Kind genieße, das Befriedigende meines wissenschaftlichen Wirkungskreises und meiner ganzen Hiesigen Stellung, tragen viel dazu bei, daß ich mich glücklich fühle und mit dem neuen Leben zufrieden bin, das ich vor 6 Jahren von vorn habe anfangen müssen. ||

Ich bin viel ruhiger und fester geworden und trage Freud und Leid des Lebens mit viel mehr Gleichmuth. Mein lieber Junge, der b allerliebst ist und den ich Euch gar zu gerne stundenweis hinschickte, machte mir die große Freude, gestern zum ersten male ganz selbstständig durch die Stube zu laufen. Agnes war darüber bis zu Thränen gerührt. Auch sonst gedeiht er sehr gut, obwohl er noch sehr wenig spricht. –

c Das schwarze Zeug zum Rock war mir sehr willkommen, da mein bester Ruck sehr schäbig ist.

Auch für die Deskaer und den übrigen Inhalt des Kistchens schönen Dank. Die Mehlweißchen schmecken Walterchen sehr. ||

Von Karl II. und III., sowie von Clärchen bekam ich gestern auch einen Brief, ebenso von Mutter Minchen, die für den Jungen ein sehr niedliches Röckchen, Schöpchen und andere kleine Sachen mitschickte, sowie eine Torte für mich.

Da es garstiges Wetter war, machte ich gestern keinen größeren Spaziergang, sondern war größtentheils in meinem Institut und Museum.

Ich habe jetzt schrecklich viel zu thun, besonders mit der II. Auflage der Schöpfungsgeschichte, die glücklicher Weise baldd fertig ist. Außerdem muß ich einen Vortrag für Weimar ausarbeiten.

Ich freue mich auf die Ferien sehr. ||

Daß Ihr in Eurem schrecklich kalten Quartier so gefroren habt, thut mir sehr leid. Du, liebe Mutter, solltest Dich doch in so kalten Tagen lieber in der Eßstube aufhalten; die ist doch viel wärmer als Deine. Wir haben hier noch gehörig anhaltenden Frost gehabt, 14 Tage lang ununterbrochen 8-16°, manchmal früh sogar 20°, was seit 25 Jahren nicht dagewesen ist. Jetzt wirds aber wärmer. Agnes hatte sich vor 8 Tagen auch erkältet und mußte wegen Catarrh in der Stube stecken, wird aber morgen wieder ausgehen.

Hoffentlich höre ich bald, daß Ihr wieder ganz munter seid.

Herzlichen Gruß und nochmals vielen Dank von Eurem

treuen Ernst

a irrtüml.: mir; b gestr.: ja; c gestr.: Wir; d korr. aus: ganz;

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
17-02-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
ID
39764