Deubler, Konrad

Konrad Deubler an Ernst Haeckel, Goisern, 29. Februar 1884

Dorf Goisern den 29 Februar 1884.

Lieber Hochverehrter Freund!

Zwey Monathe sind vom Neuen Jahr wieder durchgelebt, und ich habe noch nicht meine Briefschulden vom alten Jahre zurük bezahlt, und gerade meinen treuesten, liebsten Freunden habe ich meinen Ausdruck der Dankbarkeit und die Glükwünsche zum Neuen Jahr zulezt aufgespart. Ihnen wolte ich ohne hin erst am 16ten zu Ihren Geburtstag zugleich grattulieren, und Ihnen auch für ihren lieben Freundschaftlichen Brief zu danken! Sie können sich es unmöglich vorstellen wie groß meine Freude bei Durchlesung desselben gewessen ist –! Ich habe zum 2ten Malle in meinen Leben dabey for Freude geweint wie [ein] Kind. Das Erste mahl war es bei meinen Freiheitstag am 26 Nofember in Brünn 1857. Dieser Brief, der mir die Freundschaft des größten, jezt lebenden Denkers und Naturforschers ist mir Heilig! Ich drüke Ihnen weit über die Seen und Berge dankend im Geiste Ihre Hand! Möge ein güttiges Geschük [Sie] noch lange, recht lange noch zum Wohle der vorwärts strebenden Menschheit Gesund und Glüklich Erhalten! ||

Auch Moleschot hat mir von Rom geschrieben, und mir 2 hefte von seiner neuen Auflage „Kreislauf des Lebens“ zugeschükt, es ist das 13 und 14 heft.

Die Kritik über Schultze von unsern Freund Carneri, werden Sie wohl auch gelesen haben? Mir ist es zu wenig scharf geschrieben – er solte ihn viell besser zu leibe gegangen sein. Das Sie mich auf Albrecht Raus Kritik über Feuerbach aufmerksam gemacht haben, muß ich Ihnen ebenfalls danken.

Haben Sie „Die Conventionellen Lügen der Kulturmenschheit von Max Nordaus“ gelesen? Bei uns in Östereich ist es jezt streng verboten worden.

Die Zeitungsberichte haben mich alten deutschen Patriotischen Östereicher jezt ganz verstimt. Ich hänge an mein schönes Salzkamergut an meinen guten Kaisser mit aller Liebe und Treue, und sehe mit welchen unredlichen Mitteln die Slaven uns unterdrüken und mit Hülfe des Clerus und hohen Adels uns den Untergang und Verderben Entgegenführen –!

Ich habe der Politik und diea Kirche, aus meinen Lexikon ausgestrichen, und Studire um so Eifriger Ihre, und Feuerbachs Werke. Nach Eurer Philosophie habe ich meine Lebensführung angepaßt, und lebe || auf meinen einsamen Primesberg in dem ich Ihrer Richtung folge, meinen Lebens-Rest glüklich und wahrhaft zufrieden bis zum lezten Athemzuge aus! Wer der Führung solcher Geistesheroen wie Sie sind folgt der ist geborgenb –!

Ob Sie wohl noch einmahl zu mir in mein Alpenhäuschen auf einige Wochen kommen können? Ich hoffe es!

Schlüßlich nochmahls meinen herzlichen Dank, und lassen doch bald wieder etwas von Ihnen hören! Grüssen Sie mir Ihre liebe gute Frau, und behalten Sie mir Ihre Liebe und Freundschaft die wenigen Monathe, die mir die Natur noch zu Athmen Erlaubt und ich Ihren Tribut zurückzahlen muß!

Mit aufrichtiger, tiefer und dankbarer Verehrung, und herzlichen Gruße

Konrad Deubler

NB. Vielle Grüsse von Elsenwenger und Steinbrecher.

a korr. aus: der; b irrtüml.: geborgt

 

Letter metadata

Verfasser
Empfänger
Datierung
29.02.1884
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 3969
ID
3969