Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Messina, 19. November 1859

Messina 19.11.59.

Aus eurem letzten Brief, liebe Eltern, erfahre ich zu meiner großen Freude, daß es Dir liebste Mutter, fortdauernd besser geht und wünsche ich von ganzem Herzen, daß die Besserung so fort dauert. Hoffentlich wirst Du also auch an des lieben Vaters Geburtstag recht munter gewesen sein und ihr diesen recht vergnügt gefeiert haben. Ich werde da in Gedanken wieder recht bei euch sein, wie ich denn eigentlich immer nur mit halbem Sinn hier, und mit der andern Hälfte in Berlin bin. Du bittest mich, liebe Mutter, die Reise nicht über das nothwendige Maaß auszudehnen. Das werde ich auch ganz gewiß nicht thun, und Du kannst Dir wohl selbst denken, wie es mich immer nach Norden zurückzieht. Aber vor dem Frühjahr, d.h. Ende März, wird doch wohl die Rückkehr kaum möglich sein, wenn ich die hier begonnenen Arbeiten, welche doch schließlich den Endpunkt und das Hauptziel der ganzen Reise bilden, nur einigermaaßen in dem unternommenen Maaßstabe zu Ende führen will. Sollte ich, vom Glück begünstigt und durch schöne Entdeckungen belohnt, schon früher damit fertig werden, so werde ich natürlich auch früher zurückkehren; doch ist mir das nicht wahrscheinlich. Übrigens werde ich die Rückreise ganz direct machen und denselben Weg, den ich bis Messina in 8 Monaten zurücklegte, in 8 Tagen zurückmachen; d.h. ich gehe, wie jetzt immer unsere Briefe, von hier in 2 Tagen direct nach Marseille, dann (ohne Paris zu berühren) über Lion nach Genf und von da den kürzesten Weg nach Berlin. Ehe ich es nun vergesse, will ich Dir, lieber Vater, die gewünschte Finanz-Rechenschaft ablegen: Ich hatte am 28.1. von zu Haus mitgenommen 40 Napoleons d’or und 50 rℓ zusammen = 1000 frcs, dann am 19.2. in Livorno aufgenommen 600 fr. Mit diesem Geld machte ich die Reise bis Neapel und reichte auch noch die ersten 2 Monat dort damit aus. Dann nahm ich dort auf: am 30 Mai 300, am 12 Juli 200, am 1 August 300 frcs. Diese reichten grade bis Messina. Hier nahm ich dann am 13 September 300 fr, ferner in Palermo am 24 September 300 fr auf für unsere gemeinsame Reise durch Sicilien. || Nach der Rückkehr nahm ich am 21 Oktober hier 300 frcs für mich auf, die noch wenigstens für diesen Monat hinausreichen, ferner am selben Tage noch 160 frcs für Allmers zur Rückkehr nach Rom: diesem habe ich im Ganzen 300 frcs vorgeschossen, welche er mir zu Weihnachten hier durch Anweisung wird zurückzahlen lassen, daß Du die Anweisungen des hier aufgenommenen Geldes noch nicht durch Kaufmann erhalten hast, ist sehr erklärlich. Da Jaeger (der hiesige Banquier, zugleich preuss. Consul, ein sehr ordentlicher Mann) mir auf meine Anfrage deßhalb sagte, daß diese noch gar nicht abgeschickt seien. Er wolle es, wie mit meinen Vorgängern machen, d.h. am Ende des Winteraufenthalts die aufgenommene Summe zusammenstellen und mit Eins dann zusammen abzahlen lassen.

Klostermann, den ich deßhalb ebenfalls um Rath fragte, meinte, es wäre so besser, weil einfachere Rechnung und weniger Porto Auslagen etc. Die Summe bliebe sich übrigens ganz gleich. Also wird es Dir wohl auch so recht sein, wenn Du die ganze Summe erst am Ende des Aufenthalts zusammen bezahlst. Was ich übrigens noch brauchen werde, kannst Du Dir leicht nachrechnen, da Extraausgaben für Vergnügungen etc gar nicht vorkommen und ich alle Tage nur meine regulaeren Ausgaben habe, stets dieselben, d. h. für Wohnung und Unterhalt 9 Tari (1 rℓ) Licht 1 Tari und für die wissenschaftlichen Arbeiten, d.h. für die Fischer und für die Sammlung 3–4 Tari (also etwa ½ rℓ). Von letzteren werde ich aber einen guten Theil von dem Bonner Museum, für das ich sammeln soll, wieder erstattet bekommen. Für mich selbst sammle ich fast gar Nichts, mit Ausnahme dessen, was ich zur eignen Arbeit nothwendig brauche. Der Spiritus ist hier viel zu theuer, um mir eine eigne lohnende Sammlung anzulegen. ||

Seit 8 Tagen ist nun auch hier der Winter, d. h. die Regenzeit a eingezogen und seitdem regnet und stürmt es so beständig und heftig, daß unser deutscher Norden sich dieses Wetters nicht zu schämen brauchte. Wahrscheinlich werdet ihr in Folge dessen auch meine beiden letzten Briefe, die beide zu Vaters Geburtstag bestimmt waren, später als gewöhnlich erhalten haben. Wenigstens kam der Vapore, der sie mit nach Marseille nahm, einen Tag später hier an, da er mit dem heftigsten Sturm so arg zu kämpfen gehabt hatte, daß er seinem Untergang nahe war. Unser Hôtel war ein paar Tage mit Reisenden gefüllt, die sich von diesen Leiden erholten. Alle ihre Bagage war durch und durch durchnäßt, da die Sturzwellen über das ganze Vordeck weg und durch die Luken und Treppen in die Kajüten gedrungen waren. Der Kapitän und Steuermann waren 3 Stunden lang mit Stricken auf dem Vordeck angebunden gewesen, um nicht fortgespült zu werden. Solche Stürme werden jetzt wohl öfter kommen und können wohl noch die Ursache werden, daß wir zuweilen über den regulären Termin hinaus auf Briefe warten müssen. Sonst ist, bei günstigem Wetter, der Postdienst so regelmäßig, daß wir alle 8 Tage die Freude haben können, von einander zu hören.

Das ist mit diesen festen Posttagen etwas ganz Eignes, wie sehr man sich darauf freut. Für mich wenigstens ist der Dienstag der wahre Sonn- und Fest-tag der Woche und ich kann vor Ungeduld, bis Mittags der Postbote erscheint, gewöhnlich den ganzen Vormittag nicht arbeiten. Bei dieser großen Wichtigkeit der Postschiffe, die übrigens als allwöchentliche Einrichtung zwischen hier und Marseille noch b erst wenige Jahre existiren, werdet ihr gewiß gern etwas Nähers darüber hören. Dieser Postdienst wird wie der ganze auf dem Mittelmeer von den „Messageries Imperiales“ besorgt, stattlichen Dampfern, die einer von der französischen Regierung unterstützten Privatgesellschaft angehören. || Von Marseille aus befahren sie allwöchentlich 2 Linien, eine directe, über Messina, Athen nach Constantinopel, und eine indirecte, über Genua, Livorno, Civitavecchia, Neapel, Messina nach Malta. Der Vapore geht hier am Sonntag Mittag nach Marseille, Montag Mittag nach Neapel ab, er kömmt von Marseille und von i Neapel Dienstag Morgen. Unsere Briefe gehen regulär 6 Tage (also weniger, als nach Neapel) und die Antwort erfolgt in 16 Tagen. Eure letzten Briefe, die ein Blatt mehr enthielten, als die frühern, haben immer nur dasselbe einfache Porto von 3 Tari (10 Sgr) gekostet, wie jene; ihr könnt also von jetzt an immer einen halben Bogen mehr einlegen. Das Ankommen und Abgehen der Dampfer (fast jeden Tag kommen mehrere) ist natürlich als einziges Verbindungsmittel hier immer der allgemeine Gegenstand reger Theilnahme und wir haben von unserm hohen Standpunkt aus das besondere Vergnügen, sie immer schon aus weiter Ferne von beiden Seiten der Meerenge herankommen zu sehen, wie wir denn überhaupt den trefflichsten Anblick des wunderschönen Hafens aus der Vogelperspective genießen. Das ist ein ewig wechselndes Bild interessantesten Lebens und Verkehrs, welches meine Blicke oft vom Microscop ab durch das Fenster hinauslenkt. Vorige Woche lag grade meinem Fenster gegenüber der „Macedonian“, die schlanke saubere amerikanische Kriegsfregatte, die diesen Sommer auch lange in Neapel lag. Besonders interessant wurde der Anblick des Hafens und der See Ende voriger Woche, beim Eintritt des Winters. Abwechslung macht einmal allein das menschliche Leben schmackhaft, und so erschien || mir dann auch der graue schwere Regenhimmel und die grüne wogende See außerordentlich schön nach dem ewigen blauen einfarbig reinen Spiegel, den Himmel und Meer in den letzten 6 Monaten fast ununterbrochen dargestellt hatten und der zuletzt mit seiner ewigen ungetrübten dunkeln Bläue und Glätte wirklich langweilig wurde. Allerdings mögen dabei die nordischen Reminiscenzen wohl sehr im Spielec gewesen sein; wenigstens versetzten mich die ersten Wintertage, als der wilde frische Sturm von Norden angesaust kam, die Gebirge rings in dichte graue Wolkenmäntel hüllte und die fliehende See in mächtigen Berg- und Thal-Wellen vor sich hertrieb, lebhaft nach Helgoland und den ersten Morgen stand ich fast immer am Fenster und sah dem wechselnden Spiel des wilden Windes und der schäumenden Wogen zu, wobei die Gedanken ganz im Norden weilten. Sprang auch Abends mit wahrer Lust hinunter in den Regen, lief ein paar mal am Hafen auf und ab und ließ mich recht durchnässen, ein lang entbehrtes Vergnügen! Das Heimweh war aber in diesen Tagen besonders stark! Recht lebhaft wird es auch immer angeregt durch die deutschen und englischen Schiffe die nach Norden abgehen und denen ich immer viele 1000 Grüße mitgebe. – Ich schreibe gewiß heut recht schlecht und d unleserlich; daran ist aber meine große Seeschildkröte schuld, die mich vor ein paar Tagen tüchtig in den Finger gebissen hat, so daß ich die Feder noch nicht ordentlich wieder halten kann; das prächtige Thier leistet seit mehreren Tagen der kleinen Landschildkröte Gesellschaft, die ich schon von Anbeginn meines Hierseins als beständige treue Gefährtin auf meinem Zimmer habe, ein stilles melancholisches Thierchen, das ich mir immer als nachahmungswürdiges Beispiel musterhafter Ruhe und Geduld vorhalte, wenn ich zu ungeduldig bin. || Dagegen ist die gewaltige, 12 Pfund schwere Seeschildkröte (Chelonia Caouana) ein sehr wilder munterer Bursch, der in seinem Aquarium, einer großen Zinkwanne mit Seewasser, ganz gehörig umher wirthschaftet und besonders Nachts schon einigemal so laut gepantscht und geschnauft hat, daß ich davon wach wurde. Gestern ist dazu noch eine prächtige große Seeschnecke gekommen, die selbst auch wie eine Schildkröte aussieht und auch so heißt (Pleurobranchus testudinarius). –

– Von der Schildkröte führt mich der Gedankengang auf Ernst Bruecke, ihrem großen Bearbeiter und Verehrer, und von diesem auf Dr. Joseph Brettauer und seine Schüler, mit welchem ich in Wien viel zusammen war, und von dem ihr mir schreibt, daß er mich hat besuchen wollen. Es ist ein Tyroler, halb italienischer Abkunft, auch dabei Jude, was man ihm gar nicht anmerkt, übrigens ein sehr feiner und tüchtiger Kopf, zur Zeit, als ich in Wien war, wohl der tüchtigste und gebildetste der dortigen Studenten. Wenn Vater einmal Lust hat, sich über Österreichs Schwächen und Schattenseiten oder über Wiens Bevölkerung und deren Bildung Auskunft zu holen, so kann er sich einmal den Dr. Brettauer kommen lassen, der die dortigen Verhältnisse genau kennt und richtig beurtheilt. Solltet ihr ihn sehen, so grüßt ihn herzlich von mir, ebenso auch Richthofen, wenn er noch dort ist. Der liebe Martens wird nun wohl schon abgereist sein. Hat ihn mein Brief noch erreicht? – Mit den lieben Freienwaldern werdet ihr nun gewiß recht vergnügt und glücklich zusammen sein, da werde ich mich Abends oft recht lebhaft in den trauten Kreis versetzen und mit meinem liebsten Schatz und euch Lieben Allen in Gedanken verkehren, wenn ich Abends am Fenster steh und auf das brausende Meer hinaussehe. Herzlichen Gruß an alle Lieben

Euer treuer Ernst.

a gestr.: gar; b gestr.: Athen; c korr. aus: Spiefe; d gestr.: unläfellich

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
19-11-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 39209
ID
39209