Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel a n Charlotte und Carl Gottlob Haeckel sowie Anna Sethe , Neapel, 8./9. Juli 1859

Neapel, 8. 7. 59

Endlich, endlich habe ich gestern Abend Deinen lieben Brief vom 25. 6. erhalten, mein liebster Herzensschatz, der mithin 12 Tage gegangen i st. Diese Verzögerung war mir g rade diesmal sehr unangenehm, da ich stündlich die Nachricht von der Einberufung erwarten zu müssen glaubte a . Täglich Abends ging ich in die Apotheke, in der sicher n Erwartung, endlich den Schicksalsspruch zu erhalten, aber immer vergeb lich . Du kannst denken, in welcher Spannung mich diese ewige Ungewißheit erhalten hat. Leider wird sie wohl noch einige Zeit fortdauern, da der Prinzregent schwerlich so als sich zum Frieden oder b Krieg entschließen wird. Und so wird d e nn auch die Bestimmung, ob ich diese schöne Reise nach dem vorgesteckten Plan vollenden kann oder sie mitten im Lauf abbrechen und mit der sehr fatalen Beschäftigung eines K öni gl ich Pr eußischen Unterarztes vertauschen muß , noch einige Zeit in der Schwebe bleiben. Es freut mich sehr, daß auch Du das erstere wünschst und das stille tiefe Sehnen des lieben den Herzens zu Gunsten des weiter sehenden Verstandes nachstellst u nd zu beschwichtigen versuchst. Gewiß haben wir beide bei dem Gedanken, uns jederzeit wieder zu finden, ganz densel ben Zwiespalt der Gefühle durch ge le bt, einerseits das jauchzende Frohlocken des in tiefster Liebessehnsucht versenkten Gemüths , in dem Gefühl, schon bald wieder den geliebte ste n Menschen wieder zu se hen und zu haben, and rerseits das traurige Mißbehagen , einen mit so großen Vorsätzen und hoffnungsreichen Aussichten unternommenen Reiseplan nicht ei n m a l zur Hälfte ausgeführt zu sehen, zumal derselbe für mein ganzes Leben entscheidend werden soll. Dies sollte mir um so mehr leid thun , als ich im Fall des jetzigen Mißlingens der Messina-Reise doch dieselbe später, sobald es nur irgend ging, wieder aufzunehmen suchen müßte . Alles das Unangenehme der Reise, der bittere Trennungsschmerz der ersten Monate, das schwere Einleben in die dem deutschen Gemüth so widerwärtigen u nd verhaßten italienischen Lebensverhältniße , ferner alle die jetzt überwund ne n Plackerei en mit dem Transport c und Import der Instrumente und Bücher wären dann doppelt durchzumachen, und je älter man wird, desto schwerer mag man sich in alle diese kleinen Leiden finden. || Jetzt ist alles das einmal schon überwunden. Die lange Gewöhnung, insbesondere der 3monatliche Aufenthalt unter dem abscheulichsten aller Völker, de n grundverdorbenen Neapolitaner n , hat mich endlich gegen das moralische und physische Elend, das einem hier überall in abscheulichster Gestalt entgegentritt, abgestumpft, ich habe mich in das nothwendige Übel, so gut es eben gehen will, gefunden, und bin jetzt abgehärtet genug, um das höchst ungemüthliche Neapolitanische Leben, das gewiß auch in Sicilien herrschen wird, noch ein halbes Jahr zu tragen. Müßte ich aber jetzt hier fort und später noch einmal wieder kehren, so würde all dies doppelt durchzumachen sein. Was mir aber vor allem jetzt das Bleiben wünschenswerth macht, ist das Glück, das ich in meinem trefflichen Freunde Hermann Allmers gefunden habe. Noch nie habe ich einen Reisegefährten gefunden, mit dem ich so in allen Beziehungen harmonirte , und ich schätze d ie s Glück doppelt, da ich noch nie so wie hier, das Bedürfniß danach gefühlt habe. Seine botanischen, ästhetischen, künstlerischen Neigungen stimmen so mit den meinigen überein, daß wir bei jedem großen Natur- u nd Kunstgenuß in demselben Gefühl und Wort zusammentreffen, und and rerseits gehen unsere Individualitäten wieder so aus einander, daß wir uns aufs trefflichste ergänzen. Während ich mit meinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen, besonders dem botanischen und physiologischen Theil derselben, seine Wißbegierde häufig befriedeigen kann, lerne ich dafür von ihm so viel in ästhetischer, literarischer u nd besonders kunstgeschichtlicher Beziehung, daß ich diesen reichen, sc hönen Geist und dabei dies echt deutsche prächtige Gemüth täglich mehr liebe und mein ro hes naturalistisches Streben da nach modle und wandle. Was für einen Eindruck macht so eine reiche, hochbegabte Natur, wenn man so lange Zeit auf die Gesellschaft so armer und dürrer Geister beschränkt gewesen ist, wie leider die meisten Deutschen sind, die ich hier in Italien getroff en. Während ich bei den letzter n nur vermissen und entbehren mußte , finde ich in A llmers so viel Neues, Schönes und Gutes, daß ich eine reiche Quelle der Verwandlung an ihm besitze und mir selbst dem gegenüber oft recht geistig arm und dürftig vorkomme. || Sollte der schöne Plan, den wir für die gemeinsame Reise nach Sicilien und dem Atlas entworfen haben, sich verwirklichen, so zweifle ich nicht, daß diese beiden Monate für uns beide den reichsten Stoff zu den schönsten Erinnerungen für das ganze Leben liefern würden. Die in Ischia verlebte Woche schwebt uns schon jetzt immer wie ein kleines Paradies- Mährchen vor und je mehr die Zeit A lles störende, alle Mißtöne dieses lieblichen Bildes verwischen wird, um so glänzender werden die köstlichen Lichtseiten daraus hervortreten. Wie wir äußerlich ganz als Künstler lebten (beiläufig gesagt, auch in ökonomischer u nd poetischer Beziehung der angenehmste Titel, den man hier führen kann – pittorè sind überall beliebt und reisen halb so theuer und doppelt so angenehm, als andere Leute, die nicht artista sind − ), so hat uns auch innerlich die künstlerische Begeisterung, mit der wir voll idealen Strebens dem Realen gegenüber traten, und all das Erhabene und Schöne da raus hervorzusuchen wußte n , überall gehoben und getragen und diese erhöhte, begeisterte Stimmung, die einer im andern anfachte und belebte, hat uns Alles das Prächtige und Köstliche, das uns die reiche, elysische Insel bot, doppelt tief und warm empfinden lassen. Auch die letzten 14 Tage, die wir hier in Neapel zusammen zugebracht haben hat dieses herrliche Zusammenleben fortgedauert. Wir bewohnen 2 d neben einander gelegene Zimmer, deren Verbindungsthür beständig offen ist, in der schönsten Lage Neapels. Die Aussicht, die wir von diesem höchsten Fenster der S anta Lucia genießen, kann sich wohl mit jeder andern messen. Andererseits war mir a ll er dings die harmlos e kindliche Freude, mit der ich mich in I schia allen Eindrücken hingab, hier wieder sehr gestört durch die peinigende Ungewißheit über die nächste Zukunft; aber doch haben wir auch in diesen 14 Tagen viele reiche schöne Natur- u nd Kunstgenüsse gemeinsam durchlebt. Mehrere Tage waren wir zusammen im Museo Borbonico , wo wir in unserer glühenden Begeisterung für die griechische Antike, die für mich immer das höchste, Unübertreffliche bleibt, und die hier in den pompejanischen Wandgemälden und der reichen Statuensammlung reicher als vielleicht selbst in Florenz und Rom (wenigstens in gewisser Beziehung) vorliegt, einen neuen , bedeutenden || Punkt fanden, in dem unsere Empfindungen und Strebungen ganz übereinstimmen. Doch ist mir A llmers in der Auffassung der feineren Kunstschönheiten bei weitem überlegen, hat selber viel bedeutende r s Talent u nd namentlich einen Schatz von kunsthistorischen Kenntnissen, denen gegenüber ich ganz arm bin. Durch seinen Einfluß würde ich vielleicht auch allmählich die mittelalterliche und christliche Kunst verstehen und schätzen lernen, von der ich bisher durchaus kein Freund war. Obgleich auch A llmers meine Antiken-Schwärmerei theilt , so befähigt ihn doch seine viel allgemeinere Bildung auch zum Verstehen der übrigen Sachen, deren Lichtseiten er mit f einem Gefühl herauszufinden weiß. Einen köstlichen Tag verlebten wir gestern bei den Pompejanischen Wandgemälden. Ich glaube Dir schon früher geschrieben zu haben, liebstes Herz, in welchem Grade mich d er hohe, edle, einfache Character vollendeter Schönheit, der aus diesen Gemälden spricht, mi ch entzückt hat, um so mehr, als er ganz unerwartet war. In Beziehung der idealen , und doch so naturnahe r e n Auffassung e der schönen Wirklichkeit, wie in dem kühnen Schwunge der freien und dabei höchst einfachen Ausführung lassen diese antiken Gemälde nach meinem Geschmack alle modernen weit hinter sich – und doch findet man in unser n jämmerlichen Lehr- u nd Handbüchern die Malerei der Alten kaum dem Namen nach erwähnt. Wir haben gestern den ganzen Tag vor nicht mehr , als 4 Gemälden zugebracht , deren Köpfe A llmers sich genau abgezeichnet hat. I. Briseis wird aus des Achilles Zelt von Patroklos weggeführt. Die Empfindung in dem Gesicht der reizenden Briseis ist nicht so tief ausgesprochen, um so mehr aber der Zorn in dem Götterantlitz meines Lieblingshelden, dem schönsten Jünglingskopf, den man sich denken kann, voll Muth, Kraft, Feuer, Adel. II. Die Erziehung des Telephos (durch eine säugende Hirschkuh). Hier sind besonders die Figuren des Herkules und der Fama, die ihren Blick auf den allerliebsten kleinen Bengel richten, bemerkenswerth , sehr schön aber das regelmäßige Antlitz der Aegine . III. Aphrodite und Ares. Diese Darstellung der Venus finde ich liebreizender und schöner, und doch edler und reiner gehalten, als alle späteren, namentlich die berühmten Stücke Tizians, in denen das Niedere nur zu sehr hervortritt. ||

IIII. Das reizendste Bild, w as ich vielleicht allen andern vorziehe, war aber das vierte, welches ich gewisser maßen erst entdecken mußte , da es, weil es sehr runinirt u nd vernachlässigt ist, wie alle der art igen alten Bilder, ganz in einer alten, staub igen Ecke unten am Boden versteckt war (N. B. B eiläufig gesagt ist es eine Schande, wie die Leute hier mit diesen kostbarsten Reliquien des Alterthums umgehen; alles wird mit so viel Schmutz, Ärmlichkeit und Nachlässigkeit als möglich aufgestellt. Die sämmtlichen Pompejanischen Wandgemälde sind in einem engen Raum von 2 häßlichen viereckigen Zimmern zusammegedrängt , wo sie, ohne Licht u nd Luft, ohne freien Raum, auf dem sie wirken können, in abscheuliche rothe Rahmen eingeklebt, wie in einer alten Trödelbude dicht über und durch einander hängen. Es ist eine Schande, daß dies Barbarenvolk so mit den herrlichen Kunstwerken seiner Vorfahren umgeht, die zu besitzen, es so wenig, als jeder beliebige Wilde, werth ist!). Als ich diese köstliche Perle aus ihrem Schmutz und Staub herausgefunden, konnten wir uns lange nicht vo n ihrem ergreifenden Anblick trennen; Di e Hauptfigur ist eine Jungfrau die, von einem Sklaven gestützt, in ein Schiff steigt. Hinter ihr steht ein junger, trotziger Krieger, der mit ebenso viel Bestimmtheit und Wuth auf das Schiff hinausschaut, als der unendlich schöne und tiefe Blick des reizenden Mädchens Unsicherheit und Bangigkeit verräth . In diesen köstlichen Augen liegt eine ganze Welt von Gefühlen. Mit der größten Kunst könnte man die Fluth wiederstreitender Ideen, mit der der Mensch einem dunkeln, unbestimmten Schicksal entgegensieht, nicht reicher u nd tiefer ausdrücken, als hier geschehen ist mittelst ein paar einfacher Pinselstriche. Nichts ist überhaupt mehr zu bewundern als die ungemeine Einfachheit der Mittel, mit der die Maler der Alten diese großartigsten Resultate erzielten. Alles geschieht durch möglichst wenige, einfache, breite Pinselstriche und diese geben eine Wirkung, die man a priori für unmöglich halten sollte. Was unser Bild vorstellen soll (das leider sehr beschädigt ist) haben wir nicht erfahren können; ich vermuthe : Kassandra, die nach der Zerstörung Trojas von Ajax Oileus , dem Lokrerkoenig , auf sein Schiff gebracht wird. Der wunderbare tiefe Blick der überaus edlen u nd schönen Jungfrau hat mich seitdem förmlich verfolgt. Augen haben die Alten überhaupt in einer so wunderbaren Weise da rzustellen gewußt , daß alle uns re neue Malerei dagegen als Stümperei erscheint, und wie ungemein einfach ist das Alles! ||

Neapel. 9. 7. 59.

Ihr werdet nun inzwischen die beiden, am 25. 6. und 2. 7., nach meiner Rückkehr von Ischia abgesandten Briefe erhalten hab en . Ich hoffe übermorgen einen von euch zu erhalten, der mir hoffentlich friedliche Absichten Preußens melden wird. Daß Dr. Krause euch besucht u nd von mir erzählt hat, freut mich sehr. Die kurze Zeit über, die ich mit ihm zusammen war, hat er mir durch seine gesunde, natürlich e Lebensauffassung und seinen g raden, offenen Character sehr gefallen. Hoffentlich sehe ich ihn noch öfter wieder. Grüßt ihn herzlich und gebt ihm ein Exemplar meiner Plexus Arbeit. f Ein anderes gebt an Martens. Die Verteilung der übrigen kann warten, bis ich zurückkomme. Schreib mir doch, lieber Schatz, wie viel Druckseiten es geworden sind und ob die Figuren eine oder zwei Tafeln einnehmen. – Hoffentlich seid ihr nicht so von der Hitze geplagt, wie wir hier in Neapel. Seit g 8-14 Tag en hält sich das Thermometer (R ) beständig zwischen 20-30° im Schatten, 30-40 in der Sonne. Es ist so arg, daß selbst die Neapolitaner darüber verwundert sind u nd es ganz außerordentlich finden. Sonst ist es kaum im August so heiß gewesen. Überhaupt hat dies Jahr ganz abweichende Verhältniße von Klima u nd Temperatur. Während es in den beiden Monaten April und Mai (wo in andern Jahren das schönste Wetter ist) fast täglich regnete und man kaum ei n m a l blauen Himmel sah, hat es im Juni und bis jetzt fast gar nicht geregnet u nd wir schmachten vergeblich nach einem Gewitter. Auch die Nächte werden nicht kühl, obwohl der Thau Abends so massenhaft fällt, daß z. B. in den Barken auf den Bänken das Wasser förmliche Pfützen bildet. Die Neapolitaner führen dabei eine ganz eigenthümliche Lebensweise; sie machen die Nacht zum Tage, sind bis 3, 4 U hr Morgens auf den Beinen und schlafen von früh 11 Uhr bis N ach m ittags 5 U hr , früh von 4-8. Wir folgen diesem edlen Beispiel nicht, suchen uns aber die Hitze unter unser m Bleidach dadurch erträglich zu machen, daß wir unser ganzes Kostüm auf 2 Stücke reduciren , Hose und Hemd; Fußbekleidung tragen wir so wenig als Rock u nd Weste. Bald werden wir dahin kommen, nur Schwimmhosen zu tragen! ||

Wenn ihr Politica schreibt, oder sonst Sachen, die nicht alle Leute lesen sollen, so schreibt dies hübsch in die Mitte des Briefes hinein. Die Briefe werden hier nämlich um zu sehen, ob sie verdächtig sind und sie dann ganz zu öffnen, immer neben dem Siegel ein Stück weit eingerissen, so daß man wenigst en s das Ende, und was im Couvert am Rand steht, lesen kann.

− Die nächsten 8 Tage werde ich wohl mit Allmers in Sorrent und Amalfi zeichnen und botanisiren und erst dann (Mitte Juli) auf einen Monat nach Capri gehen, wenn ich sicher darauf rechnen kann, nicht gleich zurück zu müssen. Für den Atlas werden wir wahrscheinlich den September und für die Rundreise || durch Sicilien den October verwenden (oder umgekehrt). Doch ist es sehr zweifelhaft, ob wir ein Schiff von Sicilien nach Algier finden, da der Verkehr zwischen beiden Ländern sehr gering ist. Es wäre aber doch höchst interessant dies auszuführen, zumal sonst das Reisen dort sehr leicht u nd gefahrlos ist; Dabei schweben uns besonderes „Vegetationsbilder aus dem Atlas“, als populäre botanisch e ästhetische Ergebnisse de r dortigen Studi en vor ; vielleicht al le s nur schöner Traum.

− Sobald ihr was Bestimmtes vo n Kriege und Einberufung der h Ersatzreserve hört, schreibt sogleich. Grüßt alle Lieben, wie immer von eurem treuen Ernst.

Dem lieb st en Schatz noch ein en besonder n Kuß .

a eingefügt: glaubte ; b eingef .: Frieden oder ; c gestr .: der ; d gestr .: dicht ; e gestr .: des; f gestrichen: Hof ; g korr. aus: Seid ; h gestr .: Be

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
09-07-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 39192
ID
39192