Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Hamburg, 12. September 1869

Hamburg Sonntag

12 Sept. 69. 6 Uhr Abends.

Ihr theuren Lieben alle in Berlin!

So eben bin ich glücklich und wohlbehalten in Hamburg angelangt, wie Euch mein soeben abgesandtes Telegramm noch heute melden wird. Ich bina doppelt froh, Euch gute Nachricht geben zu können, da die Seefahrt von Bergen hierher sehr böse war, und statt 3 Tagen 4½ Tage dauerte. Statt heute Abend sollten wir eigentlich schon gestern Morgen in Hamburg angekommen sein. Die ganze Zeit von Bergen her hatten wir das schlechteste Wetter, den bösesten Südwestwind, welcher mit schwerer See verbunden die Fahrt sehr verzögerte und uns vorgestern sogar in ernstliche Gefahr versetzte. ||

Bei einem plötzlich hereinbrechenden Gewittersturm in der Nacht vom Freitag zum Samstag wurde nämlich das Dampfschiff, dass alle Segel aufgespannt hatte, b durch einen ganz unvermutheten Windstoß von entgegengesetzter Seite so auf die eine Seite geworfen, daß das Wasser stromweise in die Kajüten drang und Alles was nicht ganz fest war umhergeworfen wurde. Das Schreien der Leute, das Gebrüll der Wellen und des Sturms, dazwischen das Rollen des Donners u.s.w. war ganz entsetzlich, und wir Alle dachte nicht anders, als daß unsere letzte Stunde geschlagen hätte. Glücklicher Weise war das Schiff sehr schwer geladen, sonst wäre es wahrscheinlich umgestülpt worden. Die Verwirrung und das Chaos an Bord waren ganz unbeschreiblich. ||

In der Nacht blieb das Schaukeln des Schiffes so stark, daß ich dem Beispiele der übrigen Passagiere (mit Ausnahme des Herrn Dahl) folgte, und zum ersten Male in meinem Leben seekrank wurde, eine neue interessante Erfahrung! Noch gestern lag ich fast den ganzen Tag (bis Nachmittag 5 Uhr) in der Coje, c in der miserabelsten katzenjämmerlichen Stimmung. Ihr könnt denken wie froh wir Alle waren, als wir diesen Morgen Cuxhaven und die Elbmündung erreicht hatten. Nun wir wieder festen Boden unter den Füßen fühlen, ist alle Gefahr und alles Leiden vergessen, und ich speciell bin von ganzem Herzen froh, die ganze norwegische Reise hinter mir zu haben. ||

Morgen (Montag) werde ich nun hier in Hamburg die zufällig noch offene große Blumen-Ausstellung und den zoologischen Garten genießen, Dienstag und Mittwoch im zoologischen Museum arbeiten und Donnerstag Abend ½ 10 Uhr in Berlin eintreffen. Um ½ 11 Uhr werde ich dann hoffentlich glücklich in der Victoria-Straße sein, und Euch Lieben Alle in meine Arme schließen.

An Frau und Kind, an Vater und Mutter an Bruder und Schwägerin, und an die andern Lieben inzwischen die herzlichsten Grüße! Wie froh und glücklich bin ich, daß die Reise so gut abgelaufen ist, und daß ich meinen Hauptzweck, die lebenden Kalkschwämme, erreicht habe. Nach Norwegen gehe ich aber niemals wieder!!

Auf frohes Wiedersehen, Ihr Lieben Alle

Euer treuer glücklicher Ernst

Adresse in Hamburg : Conservator Schilling, am zoologischen Museum.d

a eingef. mit Einfügungszeichen: bin; b gestr.: g; c gestr.: und; d Text am linken Rand von S. 4: Adresse … Museum.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
12-09-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 39028
ID
39028