Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 24. August 1886

Pontresina im Engadin 24/8 86

Liebste Mutter!

Obgleich ich auf dieser Reise Dir nur wenig direct geschrieben, habe ich doch täglich Deiner in Liebe gedacht, und oft gewünscht, Du könntest sie schöne Alpen-Natur mit mir genießen! – Von den 8 Jubilaeums-Tagen in Heidelberg wird Dir Carl schon erzählt haben; es hat mich sehr gefreut, daß er so munter und vergnügt bei dem Feste war. Auch Walter hat es große Freude gemacht; ebenso die kleine Reise, sie ich mit ihm nach a Frankfurt, Mainz und dem Niederwald machte, mit dem schönen Germania-Denkmal. Alles wirkte auf ihn sehr anregend. || Walter reiste am 12. zu Agnes nach Wildungen, und am 14. Nach Gera zurück. Ich habe seitdem 10 interessante Tage in der Ostschweiz gehabt, meistens bei mittelgutem Wetter. Agnes (der es in Wildungen gut geht) wird Dir meinen Reise-Bericht schicken. Ein paar sehr angenehme Tage verlebte ich bei alten Bekannten, bei Frau v. Scherer (auf dem reizenden Castel bei Constanz) und bei Dr. Benziger in St. Gallen. Auch sonst habe ich sehr viele alte Bekannte getroffen, hier in Ponte Resina besonders, u. A. einen Holländer, Prof. Halbertsma, mit dem ich 1859 in Rom war. || Auch mehrere Jenenser Bekannte sind hier, mit denen ich ein paar hübsche Ausflüge gemacht habe; heute (Dienstag) eine sehr schöne Hochalpen-Tour von 9 Stunden, auf den 9000 Fuß hohen Diabolezza-Pass, 3 Stunden lang über den schönen Morteratsch-Gletscher.

– Morgen (25. Aug.) fahre ich mit der Post nach Chur zurück, dann per Bahn nach Glarus wo ich etwa bis 29. od. 30. bleiben werde. Ist Etwasb Eiliges mitzutheilen, so schreibe dorthin poste restante. Von da gehe ich über Zürich und Basel zurück. Samstag 4. Sept. denke ich wieder (gleichzeitig mit Agnes) in Jena einzutreffen. || In der zweiten Hälfte September (etwa zwischen 20. u. 25.) denke ich Dich mit der ganzen Familie zu besuchen. Hoffentlich treffe ich Dich recht wohl an! –

Georg danke ich schön für den Brief, den er in Deinem Auftrage an mich geschrieben. Hoffentlich geht es der armen Anna allmählich besser.

– Tante Bertha grüße herzlichst. Hoffentlich ist sie ganz wieder hergestellt.

– Mit herzlichsten Grüßen

Dein treuer Sohn

Ernst.

Auch an sämmtliche junge Haeckelei beste Grüße!

a gestr.: M; b korr. aus: es

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
24-08-1886
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Potsdam
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38958
ID
38958