Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Merseburg, 10. Oktober 1851

Merseburg den 10ten October 1851.

Liebste Mutter.

Da die Consistorialräthin Frobenius mich heute fragte, ob ich nicht etwas mit nach Berlin zu nehmen oder zu bestellen hätte, so konnte ich a doch nicht umhin, euch wenigstens einen herzlichen Gruß mitzuschicken.

b Ach, liebe Mutter, ich denke fast immer an euch. Ich dachte, je länger ihr fort wärt, desto leichter würde mir es werden; aber es ist leider grade umgekehrt. Mir ist es alle Tage, besonders aber Abends, wenn ich die Sonne untergehen sehe (was ich von meinem Zimmer ganz herrlich kann) oder wenn ich in der Dämmerung nach unserm alten Haus hinübersehec, als müßte ich grades Wegs zu euch gehen und doch kann ich es nicht. Aber Weihnachten!! –

Jedoch sind die Schularbeiten, die jetzt wieder haufenweis kommen und die Präparation zu der fatalen Größe des Examens erfolgreich bemüht mir die Zeit zu verkürzen, und besonders fließen beim Tacitus und der Ilias die Stunden so rasch hin, daß ich gar nicht weiß, wod sie hinkommen. Auch sonst giebt es vielerlei hier im Hause zu thun, wobei sich besonders meine practischen Anlagen herrlich || entwickeln. Da das aufwartende Dienstmädchen äußerst unreinlich und faul ist, so muß ich mir selber e Hosen und Rock bürsten, Waschbecken, Glas u. s. w. ausspülen, und was dergleichen langweiliges Zeug mehr ist. Auch wasche ich mir jetzt alle Morgen die Hände und bin bei Tisch sehr manierlich (was allerdings sehr langweilig ist.)

Gestern hat mir die Secretär Reuter 9 rℓ 17 Sgr 6 ₰ gebracht für Leinwand, die ich quittirt habe. Von der Auction habe ich noch nichts näheres gehört; nur daß sie bis 5 Uhr Nachmittags dauerte und daß von zur Megedes und unsern Sachen zusammen etwa 50 rℓ herausgekommen sind.

Von Karls Regenschirm habe ich nichts gehört; der Inspector schien mir auchf keine Lust zu haben, einen Laufzettel nachzuschicken. – Wenn du einmal herschickst, kannst du auch als Ballast einen alten Lappen zum Wischen mitschicken, da ein solcher hier im Haus nicht existirt. – Die Osterwald ist heute auf ein paar Tage nach Zörbig gereist – Sind denn die Sachen alle glücklich g angekommen? Und wie geht es dir. Tausend Grüße an alle, besonders an meinen lieben Papa und das Brautpaar. Wird denn Schifferstraße 6 wirklich auch aufs Examen losgearbeitet. Schreibe mir recht bald

Dein treuer Ernst. ||

Hrn.

Oberregierungsrath Haeckel

Zu

Berlin

Schifferstrasse No 6

Vor dem

Brandenburger Tor

Durch Gelegenheit.

a gestr.: ihr; b gestr.: Mei; c korr. aus: hinaus; d korr. aus: wohin; e nach „selber“ gestr.: die; f von oben eingef.: auch; g gestr.: um

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
10-10-1851
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Berlin
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38737
ID
38737