Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 8. Februar 1868

Jena 8 Febr 68

Liebste Mutter!

Diesmal bringe ich Dir zur Abwechslung eine Überraschung, welche Dich vermuthlich freuen wird. Seit 8 Tagen haben wir die sichere Überzeugung gewonnen, daß Ende Septembera unsere Haushaltung eine wesentliche Erweiterung erfahren und das bisherige Zweikammer- System in eine Dreier-Wirthschaft übergehen wird. Meine Vorliebe für das Studium der Entwickelungs-Geschichte wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem bisher innegehaltenen theoretischen Gebiete in das Praktische wenden, und hoffentlich eine ausgezeichnete Knospe (entweder männlichen oder weiblichen Geschlechts – jedenfalls eines von Beiden!) dem Stammbaum der Haeckelschen Familie einen neuen Zweig hinzufügen. Sehr hübsch trifft es sich, daß ich außer meinen übrigen hohen Würden in diesem Jahre auch noch Präsident bin, nämlich || Präsident der hiesigen medicinisch-Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, ein gutes Omen für den zu erwartenden kleinen b Sprößling. Sowohl ich als Agnes und Mutter Emma sind sehr glücklich und auf die ausgezeichneten Eigenschaften des kleinen neuen Wirbelthierchens sehr neugierig. Ich komme mir in meiner zukünftigen neuen Würde, als verehrungswürdigerc Vater nicht allein der Akademie (– pater academiae venerandus) sondern auch der Familie (pater felix familias) in der That äußerst ehrwürdig vor.

Agnes schreibt heute nicht mit, da sie seit acht Tagen an permanenter Seekrankheit leidet. Jedoch befindet sie sich den Umständen nach äußerst wohl, – im Übrigen! Seit ein paar Tagen liegt sie einen großen Theil des Tages zu Bett, was ihr sehr gut bekömmt. Mutter Emma ist jetzt eben bei ihr. Beide lassen von Herzen grüßen. ||

Für Deine gütige Sendung, liebste Mutter, herzlichsten Dank. Schinken und Wurst munden uns vortrefflich.

Ebenso besten Dank für Besorgung der Geldgeschäfte. Es ist uns Alles so recht.

Die Leinwand will Mutter Emma behalten. Bertha bittet außerdem noch um andere. Sollen wir Dir das Geld schicken oder d willst Du es an unsern Zinsen abrechnen?

Ich habe an Lampert noch nicht geantwortet. An Carl habe ich gestern geschrieben. Ich halte die Annahme der Berliner Stelle nicht gut für die Kinder, so sehr es mich auch für Euch freuen würde.

Gegenbaur läßt Euch herzlich grüßen. An Papa etc die herzlichsten Grüße von

Eurem treuen Ernst

a gestr.: September; eingef.: October; b gestr.: W; c eingef.: verehrungswürdiger; d gestr.: soll

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-02-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38707
ID
38707