Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Jena, 3. März 1870

Jena 3 März 70

Liebe Mutter!

Herzlichen Dank für Deinen lieben Brief. Es freut uns sehr, daß es Euch wieder besser geht. Bei dem herrlichen warmen Frühlings- Wetter, das wir seit drei Tagen haben, werdet Ihr Euch auch recht von der grimmigen Kälte erholen. Der Contrast ist kolossal, erst 15-20° Kälte 14 Tage lang, und nun mit einmal eben so viel Wärme. Es ist ein zu rascher Wechsel und Ihr müßt Euch nur jetzt recht vor Erkältung in Acht nehmen. Wir sind alle drei sehr munter. Walter und Agnes gehen täglich zweimal im Paradies spazieren. ||

Gestern (Mittwoch 2. März) habe ich Abends 7 Uhr meine Vorlesung über „Das Leben in den größten Meerestiefen“ im Rosensaale gehalten. Schon als ich ¼ Stunde vorher hinkam, war der ganze Saal gestopft voll (wohl über 300 Menschen), so daß Viele, die später kamen, nicht mehr hinein konnten. Der Vortrag fand allgemein vielen Beifall, trotzdem ich eigentlich fürchtete, daß er zu sehr wissenschaftlich und Vielen nicht recht verständlich sein würde. Agnes hörte aber so viel Schmeichelhaftes, daß sie ganz stolz war. Seit langer Zeit war kein Vortrag hier so besucht. ||

Nach dem Vortrag waren wir abends noch bei Mutter Huschke, wo auch ihre beiden Mieths- Studenten, meine „Goldjungen“ (die beiden Brüder Hertwig) mit Thee tranken.

Der Vortrag war eigentlich für Berlin bestimmt. Sie scheinen aber dort die beabsichtigten Vorträge anders arrangirt zu haben. Nun werde ich ihn nächstens am Hofe in Weimar halten, und dann drucken lassen.

Ich werde wohl erst gegen Ende März zu euch kommen, liebe Mutter, da ich vorher noch mehrere Arbeiten, und namentlich den Schluß meiner Schöpfungsgeschichte zu beendigen habe. Ich werde wohl nur auf kurze Zeit || kommen können, da ich den Rest der Ferien für meine Schwamm- Arbeit benutzen muß.

Die Vorlesungen schließen Ende nächster Woche (12. März). Ich freue mich auf die Ferien sehr, da ich doch wieder recht abgearbeitet bin.

– Mutter Huschke und Clara sind wieder ganz wohl. – Straßburger hat vorgestern in Berlin Hochzeit gehabt und reist Heute nach Italien.

‒ Agnes grüßt bestens. Auch Walterchen, dem die Mehlweißchen delikat schmecken, schickt sein Küßchen. Die herzlichsten Grüße an Vater und die Potsdamer.

Dein treuer

Ernst

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-03-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38601
ID
38601