Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 20. November 1864

I.

Jena 20. 11. 64.

Mein lieber Vater!

Gern verließe ich morgen mein einsames Nest hier und brächte Dir in Person meine besten Glückwünsche zu Deinem Geburtstag übermorgen dar. So aber kann ich Dir dieselben nur schriftlich senden. Möge das neue Lebensjahr für Dich, wie für uns Alle, ein besseres werden, als das verflossene, am schwersten Leid so reiche Jahr. Möge vor Allem sich Deine Gesundheit wieder ganz bessern und Du die alte Kraft und Rüstigkeit wieder erlangen. Das wünsche ich Dir von ganzem Herzen. Wenn nur erst die Beine ihrea regelmäßigen Märsche wieder machen, dann wird es auch mit dem Andern besser werden. Sehr gefreut hat es mich für Dich, daß Gneisenaus Leben nun herausgekommen ist. Das wird Dir sehr viel Freude machen und viele werthvolle alte Erinnerungen wieder auffrischen. ||

Mein einförmiges und trauriges Leben ist in letzter Woche durch einen Besuch in Halle unterbrochen worden, der allerdings auch nicht sehr erfreulicher Natur war. Ich bekam nämlich vorigen Samstag (12. 11) einen Brief von August Merkel, worin er mich um Auskunft über Süd-Italien bat, wo er diesen Winter seiner Gesundheit wegen zubringen will. Er hätte selbst mich hier besuchen wollen; sein Arzt hätte es ihm aber verboten. Da nun solche Auskunft schwer schriftlich zu geben ist so entschloß ich mich rasch und fuhr am Samstag Nachmittag selbst nach Halle, wo ich um 6 U. ankam. Den ganzen Abend verplauderte ich mit Merkels, bei denen ich auch zu Nacht blieb. Ich fand August leider recht krank und fürchte kaum, daß er auf die Dauer wieder gesund wird. Wenn er auch jetzt gebessert zurückkommt, so wird ihn doch nachher das Geschäft wieder ruiniren. So geht eine junge Lebensblüthe nach der andern zu Grunde, nachdem sie kaum entsprossen ist. ||

Sonntag (13. 11) morgen besuchte ich in Halle die Professoren Volkmann und Welker und war die übrige Zeit bei Merkels, die ich in jeder Beziehung sehr gut instruirte. Nachdem ich noch bei ihnen Mittag gegessen, fuhr ich um 2 Uhr nach Merseburg hinüber. Dort besuchte ich zuerst Frau Merkel (die natürlich sehr erfreut war) und frischte in Haus Hof und Garten viele alte Erinnerungen wieder auf. Dann machte ich bei sehr schönem Wetter einen einsamen Spaziergang durch den Schloßgarten und die Altenburg nach Arnimsruh, über die Königswiese zurück, dann auf den Kirchhof, wo ich anb Großmutters Grab wohl ½ Stunde saß. Es sah gut aus. Im Ganzen fand ich Merseburg nicht sehr verändert. Das letzte Mal war ich vor 3 Jahren da gewesen.

Osterwald fand ich nicht anwesend; er war verreist. Um 6 U. brachte ich Frau Merkel, die zu August fuhr, auf den Bahnhof, und ging dann zu Caros, wo ich noch 2 Stunden saß, und auch Hr. v. Kathen traf. Alle erkundigten sich sehr nach euch und lassen euch herzlichst grüßen. || Leider fand ich Frau Caro im aller traurigsten Zustand; die ganze rechte Seite ist vollkommen gelähmt. Sie spricht nur sehr unverständlich. Geistig aber ist sie sehr munter und erträgt ihr entsetzliches Geschick sehr geduldig. So giebt es überall Elend und Noth.

Hier ist Bezold an einer nun schon 4mal wiederholten Herzbeutel- Entzündung sehr krank, und obschon augenblicklich außer Gefahr, scheint doch die Aussicht sehr bedenklich. Bei Gegenbaurs geht es leidlich. Die Kleine ist wieder besser und leidlich munter.

Ich bin gestern (19. 11) hier auf dem Gerichte feierlich zu ihrem Vormunde auf Gegenbaurs Antrag eingesetzt und mit sehr umfassender Machtbefugniß bekleidet worden. Nach den hiesigen ganz verrückten Gesetzen muß nämlich jedes mutterlose Kind einen Vormund haben, auch wenn der Vater noch lebt. Ich mußte eidlich geloben, für die Erziehung des Kindes Sorge zu tragen und sie zu überwachen!! ||

II.

Jena 20. 11. 64.

Mein gewöhnliches Alltagsleben schleppt sich im Ganzen immer denselben traurigen und öden Gang fort, obwohl bessere Tage mit schlimmeren wechseln. Manche Tage gehts mit dem Arbeiten leidlich; andere Tage sitze ich den ganzen Abend von 4-12 oder 1 Uhr vor dem Papier, ohne nur eine vernünftige Seite zu Stande zu bringen. Ich fürchte sehr, daß das Buch nicht c bis Ostern fertig wird, und dann ist der ganze Winter so gut wie verloren; dann wäre es viel besser gewesen, ich wäre schon diesen Winter, statt nächsten, an das Meer gegangen. Es kommen doch immer gar zu viele Stunden, wo ich die düsteren Gedanken gar nicht beherrschen kann und mich willenlos ihnen hingeben muß. Und dann ist das Arbeiten jetzt auch mir manchmal so schwer, weil ich keine Form finde, um das Gewicht der mich drängenden Gedanken gehörig auszudrücken; es ist, als habe der unendlich tiefe Schmerz || alle Organe für sich allein in Anspruch genommen und zu anderen Thätigkeiten ungeschickt gemacht. Manchmal ists wirklich trostlos.

Die besten Stunden sind jetzt diejenigen, wo ich Vorlesungen zu halten habe. Mit diesen geht es umgekehrt, wie mit dem Schreiben: meine Vorträge d über Zoologie sind jedenfalls diesen Winter weit besser, als in den früheren. Ich habe alle Vortragsscheu völlig verloren und erzähle den Studenten meist im leichtesten Unterhaltungston, was ihnen sehr gefällt. Ich glaube, dies rührt wesentlich daher, daß mir jetzt das Auditorium völlig gleichgültig ist, während ich früher immer einen gewissen Respect davor hatte. So sind denn meine Zuhörer fleißiger und eifriger, als je vorher. Ich habe indirect und direct von mehreren äußern gehört, daß die Zoologie ihr liebstes Colleg sei. Das wird gewiß Deinem mütterlichen Stolze sehr schmeicheln, || liebe Mutter. Dabei muß ich Dir doch wohl auch erzählen, daß neulich wieder eine Recension meiner Radiolarien erschienen ist, die sie sehr herausstreicht und sagt, „dieses klassische Werk ist nach Form und Inhalt gleich vollendet, und würdig, den Namen des Mannes zu tragen, dessen Andenken es der Schüler gewidmet hat.“ Wenn meine Anna noch lebte, wie würde sie das freuen; jetzt sind mir alle solche Anmerkungen, wie ich denn auch kürzlich wieder aus London von den bedeutendsten englischen Zoologen erhalten habe, nur eben so viele Stiche ins Herz. Ich fühle dann immer recht, wie die ganzen Früchte meiner mühsamen Arbeiten mich nur darum so beglückten, weil sie meine unvergleichliche Anna so erfreuten; und um wie viel schöner klang das seltene Lob aus Ihrem Munde, als aus dem aller Professoren zusammengenommen. Tempi passati! ||

Die hiesigen Freunde lassen euch herzlich grüßen. Bei Hildebrandts, Gegenbaurs und Pringsheims esse ich jetzt regelmäßig alle Wochen einmal zu Mittag, bei Gegenbaur auch öfter. Gegenbaur ißt auch zuweilen bei mir; doch geht er nicht gern Mittags von der Schwiegermutter fort. Abends gehe ich niemals aus. –

Für den Wein, liebe Mutter, danke ich Dir herzlich, bitte aber, mir ihn erst nächstes Frühjahr zu schicken. Einliegendes Blättchen bitte ich per Stadtpost franco an Herrn Wagenschieber, Dragonerstr 43 zu schicken.

Frau Weiß bitte ich herzlichst zu grüßen und für ihren sehr lieben Brief vielmals zu danken.

Wenn Karl bei euch ist, grüßt ihn ebenfalls herzlichst, ebenso die Tanten, Prof. Barth und wer sonst etwa zur Geburtsfeier Mittags bei euch ist.

In herzlichster Liebe

euer treuer

Ernst.

a korr. aus: ihren; b eingef.: an; c gestr.: z; d gestr.: sind;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
20-11-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38582
ID
38582