Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 8. Februar 1864, mit Beischrift Anna Haeckels

Jena 8. 2. 64.

Liebe Eltern!

Heute können wir euch endlich wieder ganz gute Nachricht melden. Anna ist seit 3 Tagen wieder außer Bett und heute sogar schon von 11-8 Uhr wieder auf gewesen. Es liegen aber 8 schlimme Tage hinter uns, in denen mir ein Rückfall der Pleuritis recht viel Sorge und Angst gemacht hat. Wie unser letzter Brief euch meldete, war eigentlich die Krankheit sehr rasch vorübergegangen und Anna bereits wieder ein paar Tage auf gewesen. Sie muß sich aber doch irgendwie dabei erkältet haben – Wie? weiß ich freilich nicht, da alle Vorsichtsmaßregeln angewandt wurden und sie nicht aus der Stube kam. Es kam aber doch ein ziemlich unangenehmer Rückfall, schon am Tage nach Absendung des letzten Briefes; das Fieber, und damit auch Mangel an Schlaf und Appetit, stellte sich wieder ein und brachte die arme kleine Frau in den letzten 8 Tagen noch recht herunter, da die Kräfte ohnehin schon sehr abgenommen hatten. Durch sorgfältiges Betthüten und Gerhardts sorgsame Behandlung ist nun aber auch dieses Recidiv glücklich überwunden und hoffentlich wird diesem kein zweites nachfolgen. || Sie wird sich nun aber noch längere Zeit sehr in Acht nehmen müssen und noch lange nicht aus der Stube gehen dürfen. Nun sich auch Appetit und Schlaf wieder einstellen, wird sie sich schon bald wieder erholen. Deine Apfelsinen, liebe Mutter, von denen sie einen Tag um den andern eine verzehrt, sind ihr eine große Erquickung. Unsere Freunde haben sich unserer sehr freundlich während der Zeit angenommen und Frau Schleicher, Hildebrandt, Gegenbaur und Endemann haben Anna sehr fleißig besucht.

‒ Seit mehreren Tagen haben wir anhaltendes Schneewetter, so daß schöne Schlittenbahn ist, wie seit langer Zeit nicht. Der Schleswig- Holsteinische Krieg hat uns natürlich auch in gewaltige Aufregung versetzt. Aber freilich ist man auch hier sehr mißtrauisch und fürchtet kein gutes Ende, wenngleich es vorläufig scheint, als ob es mit der Vertreibung der Dänen wirklich Ernst sei. Bei dem sonstigen verrätherischen und nichtswürdigen Verfahren der Berliner und Wiener Regierung und nun gar bei dem niederträchtigen Zusammenhandeln Beider muß man auch hier wieder das Schlimmste fürchten. ||

[Beischrift Anna Haeckels]

Jena 8. 2. 64.

Heute kann ich selbst wieder ein wenig mit Euch plaudern; Liebe Eltern, worüber Ihr Euch gewiß mit uns freuen werdet. Mir ist es recht leid, daß ich Euch Sorge gemacht habe; doch nun ist sie vorüber und ich will mich recht schonen, daß kein Grund wieder dazu vorhanden ist. Deine Apfelsinen haben mich sehr erquickt, liebe Mutter, und ich danke Dir herzlich dafür, wie für alle Eure Liebe und Theilnahme. Wie treu mich der liebe Ernst gepflegt hat, brauche ich wohl kaum zu sagen und nächst ihm danke ich dem sorgsamen Gerhard meine Genesung. Das lange Bettliegen hatte meine Kräfte doch sehr mitgenommen, aber bei den Fortschritten, die ich seit ein paar Tagen mache, werden sie nicht lange auf sich warten lassen. ||

Heute darf ich schon von 11-8 Uhr auf sein und in Folge dessen verspreche ich mir auch eine gute Nacht, an denen bisher noch kein Überfluß war. Hoffentlich ist der liebe Alte seine Erkältung auch wieder los und kann sich bei beim Spazierengehen über die hübsche Schneelandschaft freuen, wie ich es vom Fenster aus thue. Grüße Helene recht herzlich, liebe Mutter, über deren glückliche Entbindung ich mich sehr gefreut habe. Ebenso Heinrich und den Tanten viele Grüße von Eurer dankbaren Tochter Anna.

a 8. 2. 1864. Letzter Brief von Anna! (gestorben 8 Tage später, 16. 2. 64.) ┼

a Späterer eigh. Vermerk Ernst Haeckels.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
08-02-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38569
ID
38569