Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 31. März 1865

Jena 31. 3. 65.

Liebste Eltern!

Ich habe euch auf euren letzten Brief noch nicht geantwortet, weil ich immer gehofft hatte, inzwischen wieder Nachricht aus Würzburg zu erhalten. Diese Antwort, welche die Bedingungen meiner Übersiedlung nach Würzburg enthalten sollte, ist aber noch nicht eingetroffen und da ich den Sommer jedenfalls noch hier bleibe, werden sich die Verhandlungen vielleicht hinaus ziehen.

Obwohla diese Ungewißheit an sich sehr unangenehm ist, so ertrage ich sie doch mit großer Gemüthsruhe, mit größerer als es bei Gegenbaur und euch der Fall ist. Da mein Lebensglück doch einmal zerstört ist, so hat die weitere Entwicklung meiner äußeren Schicksale b bei weitem nicht das Interesse für mich mehr, welches sie gehabt hätte, wenn mein Glück fortgeblüht hätte. So aber kommt die Frage der angenehmeren oder weniger angenehmen Verhältnisse gar nicht in Betracht und den einzig maßgebenden Ausschlag || wird die wissenschaftliche Bedeutung meiner zukünftigen Stellung geben. Ich werde dahin gehen, wo ich am meisten arbeiten und das Meiste für die Wissenschaft leisten kann, der ich ganz angehöre, seitdem die Gemüthsseite des Lebens mir verschlossen worden ist. Ob ich nun Hier oder in Würzburg mehr Unterstützung für meine wissenschaftliche Thätigkeit und c einen größeren Wirkungskreis finden werde, wird sich erst beurtheilen lassen, wenn ich die Bedingungen kenne, die man mir hier und dort stellen will. Ich muß daher ruhig abwarten, wie sich diese Verhältnisse gestalten werden. Sicher ist nur das, daß ich jedenfalls Ordinarius werde, was immerhin ein ziemlich rasches Emporkommen ist, da ich erst seit 4 Jahren docire und erst seit 3 Jahren Extraordinarius bin.

Da Ihr die Würzburger Verhältnisse nicht kennt, könnt ihr mir natürlich keinen maßgebenden Rath ertheilen. || Daß ich die Würzburger Verhältnisse so genau kenne, wird mir die Wahl sehr erleichtern. Hoffentlich entscheidet sich die Sache noch in der nächsten Woche. Andernfalls komme ich doch am Ende derselben (ich denke, Freitag den siebenten April) nach Berlin.

Daß man mich sehr gerne Hier behält, könnt ihr denken. Nicht nur die Facultät, sondern auch der Curator sind in diesem Sinne wirksam und der Großherzog, der gestern Hier war, hat sich in demselben Sinne geäußert. Am schwersten würde ich in Würzburg meinen Freund Gegenbaur entbehren, d mit dem ich so innig vertraut bin, daß e kein anderes derartiges Verhältniß mir diesen Verlust ersetzenf könnte. In Würzburg würde ich Niemand finden, g dem ich näher stehen könnte. Indeß sind das Alles Nebenrücksichten, die hinter der Frage nach der wissenschaftlichen Bedeutung meiner Stellung zurücktreten müssen. ||

Macht euch also, ich bitte euch, keine Sorge darüber, daß untergeordnete Rücksichten mich bei der Entscheidung meines Schicksals bestimmen werden. Vielmehr könnt ihr überzeugt sein, daß ich und Gegenbaur, die einzigen beiden Leute, die die hiesigen und Würzburger Verhältnisse in diesem Falle klar zu beurtheilen wissen, uns lediglich von dem Gesichtspunkt leiten werden, daß ich dahin gehe, wo ich am meisten wissenschaftlich wirken und mich entwickeln kann.

Falls ich nicht anders schreibe, komme ich Freitag (7. 4.). Abends. Rechnet aber nicht zu bestimmt darauf, da leicht ein Würzburger Brief, der kurz vor der beabsichtigten Abreise eintrifft, dieselbe um 1 oder 2 Tage verzögern kann. Schickt diesen Brief auch an Carl, dem ich für seinen lieben Brief herzlich danke. Beste Grüße an euch und die Landsberger, an die Tanten, Fr. Weiss, Barth etc. Auf baldiges frohes Wiedersehen

euer Ernst.

h Ich werde bis gegen Ende April bei euch bleiben.

a korr. aus: Obxx; b gestr.: doch; c gestr.: mehr; d gestr.: d; e gestr.: ich; f korr. aus: ersetzte; g gestr.: mit; h weiter am Rand v. S. 4.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
31-03-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38550
ID
38550