Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 25. Oktober 1863

Jena 29/10 63

Liebe Eltern!

Wir sitzen nun schon wieder ein paar Tage in unsern lieben 4 Wänden und freuen uns nach der 12 wöchentlichen Ferien Reise sehr an der köstlichen Ruhe und Stille des lieben Saalthales und an der regelmäßigen Thätigkeit. Ich habe gleich Montag (26.) meine Vorlesungen begonnen, mit deren Besuch und Erfolg ich ganz zufrieden bin. Sie behagen mir sehr und ich fühle wieder recht, welches Glück diese regelmäßige Berufsarbeit ist. Außerdem habe ich gestern und vorgestern den ganzen Nachmittag Zoologie examiniren Müssen. Es waren 7 Candidaten, von denen 2 bei mir durchgefallen sind. Unsere Winterwohnung ist noch nicht ganz eingerichtet, wird aber sehr bequem und gemüthlich werden. Wir werden nur 1 Stube (Annas Saal) heitzen. ||

Bei meiner Ankunft hier wurde ich sehr überrascht und erfreut durch die beifolgende Schrift meines Freundes Schleicher, die euch gewiß auch sehr interessiren wird. Bitte, schickt die einzelnen Exemplare an die betr. Adressen und gebt auch Tante Weiß das eurige einmal zu lesen. Ich schicke noch ein Expl. ohne Adresse mit. Dies bitte ich an Bleeks zu geben, welche es gelegentlich an Wilhelm Bleek nach der Capstadt schicken mögen. Diesen wird die Frage gleichfalls in höchstem Grade interessiren. Auch an Carl habe ich eins geschickt. Hier haben meine Darwin- Kämpfe in Stettin auch viel Aufsehen erregt, und, wie mir Gerhard sagte, bin ich 14 Tage lang Hauptobject des Tagesgesprächs gewesen, jetzt aber glücklich wieder in mein früheres Nichts zurückgesunken. ||

Von der Herreise wird euch Anna schreiben; die beiden Tage in Magdeburg und Halle waren sehr nett. Gude ist sehr alt und kränklich geworden; er leidet namentlich sehr an Schlafmangel. Geistig ist aber noch sehr frisch. Magdeburg hat uns, den Dom ausgenommen, nicht sehr gefallen.

Im Dom, der von außen und innen sehr schön ist, trafen wir den Musikdirektor Ritter, meinen früheren Lehrer, der mich sogleich erkannte. Die ganze Einrichtung von August Merkel, bei dem jetzt auch die beiden jüngsten Brüder arbeiten, ist sehr schön, der Werkplatz mit über 100 Arbeitern ist ganz großartig. Hier wurden wir von scharfkaltem klaren Winterwetter empfangen. Bezold bleibt noch bis Januar in Paris und wird zu Ostern heirathen. Sonst ist hier, wie gewöhnlich, Nichts besondres passirt. ||

Die beiden Kisten nebst Inhalt und das Coffer sind wohlbehalten angekommen.

Habt nochmals schönsten Dank, liebe Eltern, für alle Liebe die ihr uns während der 3 Wochen in Berlin erwiesen habt und seid aufs herzlichste gegrüßt von eurem treuen

Ernst

Schreibt recht bald und grüßt die Freunde und Verwandten.

An Dich, lieber Vater und an Martens, noch ein Explr von der vortreffl. Rede von Treitschke.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
29-10-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38439
ID
38439