Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Anna Sethe, Jena, 2. März 1862

Jena 2.3.62.

Sonntag Nachmittag ist gewiß eine recht nette Zeit, an den liebsten Schatz zu schreiben, nicht wahr, meine Änni? und ganz besonders wenn es so ein reizender kleiner Strick ist, wie ich einen habe! Drum sollst Du heut gleich Antwort haben auf den lieben Sonntagsgruß, der mich heut morgen erfreute! Diesmal habe ich Dir auch viel zu berichten, liebster Schatz, was wohl Dein kleines Herz zu schnelleren Schlägen antreiben wird. Eigentlich wollt ich Dir schon gestern schreiben, um Dich heut zu überraschen; es kam aber ein Correcturbogen dazwischen, der letzte (No. 30) des allgemeinen Theils. Das Wichtigste ist also zunächst, daß am a Dienstagabend die 4 Schicksals-Exemplare des Buches glücklich einpassirt sind. Das Opus sieht wirklich recht stattlich aus, wiegt 5 [Pfund] und ist ein mehr als zolldicker starker Folioband. Das Äußere ist dabei so elegant und einladend, daß ich die ersten Vaterfreuden eines jungen Autors dabei aufs Lebhafteste empfand. Ich trug noch selbigen Abend 1 Exemplar zu Gegenbaur, welcher auch über das endliche Gelingen und über Umfang und Ausstattung sehr erfreut war, am folgenden Morgen ein zweites zu Kuno Fischer, der jetzt Prorector ist, begleitet von dem umstehenden Schreiben, auf dessen Concept ich dies niederschreibe. b Er wird es, nach Verabredung mit Seebeck, unter den Professoren circuliren lassen, damit Jena erkenne, was für einen Radiolarien-Vater es in seinen Mauern habe (– sonst gilt der Prophet nichts in seinem Vaterland!) und besonders, damit sie nicht allzusehr wundern, wenn aus dem Dr. Haeckel nächstens plötzlich ein Professor wird. ||

Das dritte und wichtigste Exemplar trug ich Mittwoch Morgen (auf besonders feinem Velin-Papier gedruckt) zu Seebeck. Meine Spannung war, wie Du denken kannst groß, wurde aber noch durch die Freundlichkeit des Empfanges übertroffen. Er war äußerst herzlich und versicherte mir, „daß er darüber eine Freude habe, als ob ihm ein Enkelchen geboren wäre!“ – Das Exemplar circulirt jetzt, nebstc den verschiedenen Schreiben Seebecks und Gegenbaurs, die mich zum Professor empfehlen, an den 4 Höfen und hier blüht also jetzt unser Leben seiner Auferstehung entgegen. Seebeck sagte mir direct über die nächste Zukunft gar nichts, wie ich denn überhaupt bis jetzt mit ihm direct gar nicht verhandelt, und noch nie ein Wort vom Professor gehört oder gefragt habe.

Dagegen hat er mir durch Gegenbaur und Bezold die besten Hoffnungen machen lassen. Bezold der vorgestern bei Seebeck war, sagte er, daß er in den nächsten Wochen schon auf die Zusage hoffe; doch könne allerdings, bei dem schleppenden Geschäftsgang an den 4 Höfen, auch das Ende der Ferien über der Ernennung heran kommen. Soweit ich nach Allem, was ich in diesen Tagen gehört, schließen kann, ist die Ernennung in der nächsten Zeit sicher, und nur unsicher, ob darüber ein paar Wochen, oder schlimmstens 2 zwei Monate vorübergehen. Ich rathe Dir, liebster Schatz, Dich jedenfalls auf letzteres gefaßt zu machen, obgleich Kuno Fischer mir vorgestern, wo er mir die größten Elogen gesagt hat, auch zugleich die beste Hoffnung machte, daß die unvermeidliche Form recht bald erledigt sein würde. ||

Vorgestern, am letzten Februar, wirst Du wohl auch nicht wenig hergedacht haben, liebster Schatz; wenigstens hast Du mich in Gedanken den ganzen Tag nicht verlassen. Es war das wundervollste warme Frühlingswetter, welches wir zu einem zweistündigen Spaziergang auf die Kunitzer Wiesen benutzten. Der Himmel war so blau, die Sonne so goldig, und Alles so frühlingsmäßig, daß ich immer 3 Monate weiter dachte, d wo ich die herrliche Natur hier noch mit ganz anderen Augen ansehen werde. Auch durch einen sehr hübschen Fund wurde ich überrascht; ein Ameisennest in einem Baumstamm, dessen Holz (ein Stück von 1½‒2' Durchmesser) aufs zierlichste von den regelmäßigsten u. feinsten Galerien, Treppen, Sälen, Gängen etc. durchbrochen war. Ich habe mein Museum damit bereichert. Abends war also der Polterabend von Julie Seebeck und Herrn Hach (Gutsbesitzer bei Lübeck). Mit welchen eigenthümlichen Gefühlen ich hinging und mit welchem besonderen Interesse ich Alles mit ansah, besonders das glückliche Brautpaar, kannst Du denken. Die Familie Seebeck und besonders die Braut, schienen meine Stimmung sehr richtig zu verstehen und waren äußerst liebenswürdig u. herzlich. Das ganze Fest war äußerst gemüthlich und nett, keine Spur von Zwang u. Hoffarth; auch war es lange nicht so groß, wie ich erwartet hatte. In dem Rosensale, wo das Fest gefeiert wurde, mochten etwa 80‒100 Personen sein. Um 7 Uhr begannen die verschiedenen Polterabendscherze u. Aufführungen, welche fast 2 ganze Stunden dauerten. Die meisten waren ungemein sinnig u. nett, theils von Juliens Freundinnen, theils von den Brüdern u. Vettern || ausgeführt. Ein großer Theil war bereits auf der Hochzeit des alten Seebeck selbst aufgeführt und von seinem verstorbenen Bruder selbst gedichtet worden. Ein Sohn des letzteren, ein höchst liebenswürdiger Junge, trat als Tyroler mit ein paar reizenden Schnaderhüpfeln auf. Der älteste Seebeck (Offizier) sprach ein sehr nettes, selbst gefertigtes Gedicht. Dann wurde eine sehr heitere Posse (mit Orpheus-Musik) aufgeführt. Ferner kamen die Nymphen u. Feen des Saalthals. Dann wurde eine allerliebste kleine Hütte aufgezimmert, und mit Tannenzweigen geschmückt. Um 9 Uhr wurde getanzt, mit großem Überfluß an Tänzern, so daß ich glücklicherweise überflüssig war. Um 11 Uhr gings zu Tisch, wo es höchst heiter und harmlos herging; ich saß an dem akademischen Junggesellen-Tisch. Kuno Fischer brachte einen sehr kunstreichen Toast auf das junge Ehepaar aus, den ich noch auf ein gewisses anderes bezog, das diesem bald nachfolgen wird. Er sagte sehr richtig, das die Hochzeit der allerwichtigste Moment des ganzen Lebens sei, mit welchem der zweite, glücklichere Abschnitt desselben beginne. Der alte Seebeck erwiderte mit einem noch netteren, sehr herzlichen Toast, in welchem er jedem der Anwesenden „die recht baldige u. glückliche Erfüllung desjenigen höchsten Wunsches, der ihm am meisten am Herzen läge, wünschte.“ Ich glaube, er hat speciell an mich dabei gedacht; so kräftig und herzlich schüttelte er mir darauf die Hand. Wenn es nur bald in Erfüllung geht! ||

Um ½1 Uhr war der ganze Polterabend alle. Ich war beim Abschiede von dem glücklichen Brautpaar, das mir von Herzen baldigste Nachfolge wünschte, so bewegt, daß ich dem Bräutigam, einem sehr netten Menschen, den ich an diesem Abend zum ersten Male sah, einen herzhaften Kuß gab. Mit Gerhard blieb ich bei Schultze noch bis 3 Uhr bei einer Flasche Champagner beisammen. Gestern war die Hochzeit welche im engsten Familienkreise gefeiert wurde und um 1/6 [!] Uhr Abends sind die Glücklichen Bewundernswerthen abgereist. Ich bin ihnen immer in Gedanken gefolgt. –

Was für große Sehnsucht nach baldigster Vereinigung mit meinem Liebsten und Besten auf der Welt ich in diesen Tagen gehabt habe, kannst Du denken! Ich bin äußerst gespannt auf die Ereignisse der nächsten Wochen! –

14 Tage sind nun bloß noch Collegien; am 15. März ist der officielle Schluß. Ob ich dann gleich komme, weiß ich noch nicht. Ich möchte wohl erst das Manuscript ganz fertig machen, was immer noch ein paar Wochen dauern kann. Drei Viertel des speciellen Theils habe ich bereits an Georg Reimer abgeschickt. Wenn Du dieser Tage mal zu ihm kommst, laß Dir doch das Buch mal zeigen; er wird gewiß noch ein fertiges Exemplar für sich behalten haben.

Es sind 29 Kupfertafeln dabei; da Dich ja der Autor einigermaßen interessirt, wirst Du vielleicht Freude daran haben. Einliegenden Brief stecke in ein Couvert und schicke ihn schleunigst an Georg Reimer. Wie ist es denn eigentlich mit einem Quartier? ||

Den Tod von Onkel Gustav erfuhr ich zuerst durch einen preisenden Nekrolog der Kreuzzeitung und dann durch eine pietistische Anzeige von Tante Julchen in demselben edlen Blatte „der Wahrheit und des Lichts.“ Ich wünsche ihr in ihrem Interesse von Herzen baldige Nachfolge, und Erlösung „aus diesem Jammerthale“ über dessen Elend sie sich lyrisch verbreitet und mit der bescheidenen Hoffnung schließt:

„Alle Leiden dieser Zeit sind nicht werth der Herrlichkeit, die dort an uns offenbart werden soll!“

Hoffentlich ist das commune plebejische Volk, zu dem ich leider gehöre, von dieser „Herrlichkeit“ ausgeschlossen.

‒ Gestern Abend (1.3.) habe ich meine ersten parlamentarischen Lorbeern geerndtet. Ich hatte in unserm Turnverein 2 Anträge gestellt, 1) auf Entwerfen von Statuten 2) auf Ausschließung der Studenten. e Beide wurden angenommen, der letzte jedoch erst nach 2 Stunden langer, sehr heftiger Debatte. –

Bezold ist wieder ganz munter, läßt schön grüßen. Theilef den Alten die Radiolarien-Geschichte mit, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, nicht davon zu sprechen, besonders nicht in der Familie. Da das Werk sonst noch nicht erscheint, ist absolutes Schweigen nöthig. Wie geht es in Freienwalde? Grüßt die Alten, Mutter, Heinrich etc. herzlich, und suche Dich ein bischen mit der Geduld zu waffnen die ich mir alle Tage vergebens anzueignen suche. Es herzt u. küßt Dich in Gedanken Dein treuer

Erni ||

[Konzept des Schreibens an den Prorektor Kuno Fischer]

Ew. Magnificenz

erlaube ich mir beifolgend ein Exemplar

meiner ersten größeren wissenschaftlichen Arbeit

einer Monographie der Radiolarien

oder radiären Rhizopoden

als Geschenk für die hiesige Universitäts-Bibliothek

zu überreichen.

Hochachtungsvollst und ergebenst

Dr. Ernst Haeckel.

Jena, den 25sten Februar 1862.

An

Seine Magificenz

Herrn Hofrath Professor Dr. Kuno Fischer

Hochwohlgeboren

a gestr.: Mitt; b gestr.: Das; c gestr.: ehe; eingef.: nebst; d gestr.: da; e gestr.: Der; f korr. aus: Theilen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-03-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38404
ID
38404