Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Bertha Sethe, Jena, 18. Oktober 1897

Jena, den 18. October 1897.

Liebste Tante Bertha!

Zum 20. October sende ich Dir von Herzen meine besten Glückwünsche! Daß Du da (– angeblich ! −) Deinen 85sten Geburtstag feierst, wird Dir Niemand glauben, wenn Du nicht den Taufschein zeigst. Ich glaube eher an 65 – wenn nicht gar 55!! Als wir vor 17 Tagen zusammen – am 1 Octo be r – nach Transvaal reisten, hatte ich Mühe, mit Dir Schritt zu halten – und ich bin doch 2, resp. 22 Jahre jünger !! Nun, möge Deine gute, tüchtige Sethe -Natur sich noch lange so tapfer halten, und auch ihren guten Humor , resp. Philosophie! behalten!|

Seit meiner glücklichen Rückkehr von meiner 8 wöchentlichen Rußland-Reise – am 2. Octo be r – bin ich reines Arbeits-Pferd gewesen – Tag für Tag einen Correktur-Bogen der „Natürlichen Schöpfun gsgeschichte “, die Anfang Decem be r erscheinen soll. Ich werde froh sein, wenn ich fertig bin (ich hoffe in 4–5 Wochen).

– Agnes fand ich hier recht leidlich vor. Leider hat sie sich aber bei dem colossalen Witterungswechsel (– vor 8 Tagen Frost, seit 3 Tagen Sommer-Wetter, mit 18° R im Schatten!) – eine neue Erkältung, mit Herznoth etc. zugezogen, und liegt seit 3 Tagen zu Bett. Hoffentlich geht es bald vorüber! ||

Rechte Sorge haben wir um Ernst Reimer, der seit 4 Tagen schwer erkrankt ist, mit räthselhaften Gehirn-Symptomen – Diagnose noch ganz unsicher! Unsere beiden besten Ärzte behandeln ihn, sehr sorgfältig. Ein böser Anfang für die neue Heimath; sonst sind sie in der reizenden Villa Frankenhäuser (an der Rasenmühle) schön eingerichtet.

– Sehr traurige Stunden macht mir auch täglich die unglückselige Liebe-Tragödie von Prof. Semon und Frau Prof. Krehl. Die Einzelheiten dieser bösen Geschichte (die schon über ein Jahr spielen soll!) sind unbegreiflich . Sie gehen wahrscheinlich nach Australien. Schade um den ausgezeichneten Naturforscher, und um das zerstörte Glück von zwei Familien! ||

Vielen Dank , liebste Tante, sage ich Dir nochmals für die gemüthlichen fünf Tage, die ich am Schluße meiner beschwerlichen Reise so behaglich bei Dir verleben durfte! Hoffentlich darf ich bald mal wieder kommen!

Beifolgendes kleines „Buch Jesus “ von Wolfgang Kirchbach wird Dich gewiß sehr interessiren, besonders „Das Leben Jesu “ (S. 132–156). Unsere orthodoxen Mucker werden schön wüthen!

Unserem lieben Carl, wenn Du ihn siehst, beste Grüße! Nach Blankenburg zu Traudchen habe ich leider noch nicht fahren können, wegen der dringenden täglichen Correctur-Arbeit!

Mit besten Grüßen und Wünschen

Dein treuer Neffe

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-10-1897
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38230
ID
38230