Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Karl Haeckel, Salerno, 3. April 1893

Salerno 3. April 1893

Lieber Bruder!

Mit Freuden ersehe ich aus Deinem heute erhaltenen Briefe, daß es Dir an der herrlichen Riviera gut geht und Du in der lieblichen Villa Lindenhof bei den trefflichen Fleischtöpfen der Frau Ohly Dich wohlfühlst. Wir waren vorm Jahre dort sehr zufrieden. Grüße Frau Ohly bestens, ebenso auf Frau Miklucho-Maclay. (Den Mann derselben, Bruder eines früheren Schülers und Reisegefährten, kenne ich nicht.) Versäume nicht, von Ventimigliaa mit Omnibus nach Dolce Aqua zu fahren, sehr interessant! Wenn Du mit dem Frühzug nach Ventimiglia fährst, erreichst Du den Omnibus. Abends zurück nach San Remo. ||

Wir hatten ein einen sehr schönen Monat in Sicilien. Erst 3 Wochen starke Arbeit in Messina, mit sehr gutem Erfolg; (Plankton-Sammlung von 10 Kisten). Dann eine herrliche Woche in Taormina (wo wir Walter trafen), Syracus und Palermo. Auch in Neapel (wohin wir nach 18 Stunden guter Seefahrt am 23. III. von Palermo gelangten) noch 5 interessante Tage, aber ungemütlhlich, kalt und winterlich. Am Palmsonntag (26.) hatten wir beide rechtes Pech! Agnes erkältete sich tüchtig und bekam einen gehörigen Bronchial-Katarrh mit Fieber. Ich glitt auf einer || steilen Treppe aus und zerriß mir ein Stück Lendenmuskeln. Seit 8 Tagen kann ich das rechte Bein nicht bewegen und habe die Dir bekannten, elenden Schmerzen der Ischias! Der Besuch von Pompeji (am 28.), den wir trotzdem durchsetzten, machte die Sache nicht besser! Seitdem sitzen wir nun ganz still hier im einsamen Salerno, glücklicherweise in einem behaglichen Gasthof (Hôtel d’Angleterre) mit guter Verpflegung und Bedienung. Herrliche, warme Seeluft. Wir hoffen beide in 4–5 Tagen so weit zu sein, daß wir reisen können – wenn auch nur mit großer Vorsicht! || Wahrscheinlich müssen wir alle weiteren Reisepläne aufgeben (Rom und Florenz!), und direct (mit Etappen) nach Jena zurück fahren. Dort werde ich wohl noch einige Wochen liegen müssen! Alles sehr unerfreulich! Die schönste Oster-Sonne scheint umsonst in unserer Fenster! – Walter reist morgen von Palermo auf 14 Tage nach Africa! (Tunis), dann über Cagliari nach Neapel.

– Sieh Dir auch auf der Rückreise Nervi, Rapallo und Portofino an.

– Brief trifft uns eventuell noch in Rom (Consul. Imper. di Germania). – Sende diese Zeilen an Tante Bertha.

Mit herzlichsten Grüßen von uns beiden jämmerlichen Patienten

Dein treuer alter Bruder Ernst.

Gegenbaur mit Tochter wollen auch diese Woche nach Riviera Ponente.b

a gestr.: (oder Bordighera); b Text weiter am linken Rand von S. 4: Gegenbaur … Ponente.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-04-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38122
ID
38122