Haeckel, Ernst

Potsdam 15 Oct 74

Donnerstag

Liebste Frau!

Habe schönen Dank für Deinen lieben Brief, der mich über Euer Wohlbefinden und über die ersten Schul- Studien unseres lieben Jungen recht beruhigt hat. Hoffentlich wird er sich bald der neuen Lebensweise anpassen!

Ich habe inzwischen (– wie gewöhnlich!) sehr unruhige Tage verlebt!

Von Tante Bertha wurde ich sehr freundlich aufgenommen und sehr gut verpflegt. Montag war ich beim Unterrichts- Minister Dr. Falk und bei dessen Adlatus, Geh. Rath Goeppert, mit dem ich correspondirt hatte. Beide haben mir sehr gefallen. ||

Beide bedauerten sehr, daß ich die Bonner Stelle nicht angenommen hätte; sie würden mir jeden Wunsch bewilligt haben. Du kannst denken, daß mich diese freundliche Aufnahme doppelt traurig stimmte und nur die Überzeugung befestigte, daß ich mit Ablehnung der Bonner Stelle einen der dümmsten Streiche meines Lebens begangen habe!

Nun ist‘s zu spät! Leydig hat definitv angenommen, und ich habe eine der besten Gelegenheiten versäumt! Wenn ich denke, wie befangen ich im Sommer in dieser Beziehung war, kann ich mich selbst kaum begreifen! ||

Die Gemälde- Ausstellung ist nicht so glänzend wie vor 2 Jahren; hat aber doch viele hübsche Bilder, an denen ich meinen jammervolles Gemüth recht erquickt habe; ebenso am zoologischen Garten und Aquarium. Wie gerne hätte ich Dich und die Kinder da bei mir gehabt!

– Du wirst von Leipzig ein Fäßchen Actien- Bier bekommen haben. Wenn es einige Tage gelegen hat, laß es von Pohle auf Flaschen ziehen, und laß die Flaschen stellen! –

Gestern (Mittwoch) Morgen fuhr ich von Berlin hierher. Mein Bruder hatte mir zu Ehren ein Diner (mit seinen Freunden) arrangirt und Clara that culinarisch ihr Möglichstes.

Wir haben herrliches October- Wetter hier und ich erfreue mich recht an den schönen Bäumen. ||

Dienstag ist Tante Berthas Geburtstag, weßhalb ich noch dort bleibe. Montag früh gehe ich von hier wieder nach Berlin. Mittwoch Mittag 2 Uhr 10 Min. komme ich in Jena an. Schicke Pohle zu diesem Zuge an den Bahnhof, liebstes Röschen, und hebe mir Mittagessen auf!

Jedenfalls bitte ich Dich, mir vorher noch Nachricht von Euch zu geben, bis Sonntag hierher nach Potsdam, oder Montag nach Berlin.

Auf frohes Wiedersehen, liebes Herzchen! In Gedanken küßt Dich Dein treuer Ernst!

P.S. Von Allen schöne Grüße. Bei Reimers geht es gut. Ich war Dienstag Abend dort.

 

Letter metadata

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15.10.1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37608
ID
37608