Haeckel, Ernst

Berlina 17 Juni 71

Mein liebstes Röschen!

Eine Ruhe- Pause in dem colossalen Berliner Lärm und Trubel benutze ich, Dir lieben Herzchen und unsern beiden süßen Knospen einen herzlichen Gruß zu senden. Das Friedensfest gestern war außerordentlich großartig; viel sehenswerther aber und wirklich einzig schön die prachtvolle Ausschmückung der Stadt mit Statuen und Bildern, Blumen und Guirlanden, Trophäen und Wasser. Wie jammerschade, daß Du nicht mit hier sein konntest; ich habe Dich und unsere lieben wilden Putti so oft hergewünscht. ||

An Carlo habe ich vorgestern noch telegraphirt, er solle herkommen; der alte Starrkopf hat aber zurück geantwortet, das wäre Nichts für ihn! Freilich hat der Genuß auch seine Schattenseite. Die Hitze ist Zeit vorgestern bei wolkenlosem Himmel eben so toll wie vorher die Kälte am Mittwoch und vorgestern noch 7-10°, und heute 24-27°! Dazu schrecklicher Staub, Lärm, Menschengedränge, daß man kaum gehen kann. Man wird recht mürbe! In dieser Beziehung wäre es gar Nichts für dich! ||

Ich komme erst Montag Abend, vielleicht spät (zwischen 10 und 11 Uhr) da die Züge ganz unregelmäßig gehen! Laß eines der Mädchen aufbleiben und am Fenster sitzen, damit ich von der Straße rufen kann, wenn die Hausthür zu ist. Stelle mir auch etwas Wein Sodawasser hin! Mit meinem Kupferstecher habe ich rechtes Unglück! Nachdem Wagenschieber erst 4 Wochen todt, ist vor 8 Tagen auch sein Nachfolger und Assistent gestorben! Ich weiß nun gar nicht, was anfangen! ||

An Mama herzliche Grüße.

Unsern Würmerchen herzl Kuß.

Reimers und Clärchen sind wohl.

Clara wird erst Mittwoch kommen.

Es umarmt und küßt Dich

Dein treuer Ernst

Herzl Grüße

von den Eltern.

a irrtüml.: Jena;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
17-06-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37567
ID
37567