Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 20./21. Mai 1856

Würzburg 20/5 56.

Liebe Eltern!

Gestern erhielt ich euren und Karls lieben Brief, über den ich mich sehr gefreut habe. Das ist ja sehr nett, daß ihr da das schöne Pfingstfest so hübsch zusammen verlebt habt. Wie gerne wäre ich da auch bei euch gewesen! Doch habe ich dafür recht viel und herzlich an alle die Berliner Lieben gedacht und bin da bei diesen Gedanken auch hier recht vergnügt gewesen. Glücklicherweise machte die Sterblichkeit unter den hiesigen klinischen Patienten grade zu den Ferientagen eine größere Pause, so daß ich fast gar Nichts zu thun hatte. Außerdem war auch das Wetter so schlecht, daß ich eine größere Tour ohnedieß nicht hätte unternehmen können, und so war ich ganz getröstet. Am Pfingstsonntag früh war ich einmal wieder in der Kirche, zum erstenmal in diesem Semester und wahrscheinlich auch zum letztenmal. Denn für gewöhnlich habe ich Sonntag (wo Virchow jetzt immer seine Familie in ihrer Sommerwohnung in Veitshöchheim besuchen wird) ebenso zu thun, wie an den andern Tagen und zweitens muß ich auch gestehen, daß die Leistungen der hiesigen Prediger für mich nichts weniger als befriedigend sind. Abgesehen davon, daß der hiesige Gottesdienst schon sehr in das Katholische, das mir womöglich noch mehr, als Dir, liebste Mutter, verhaßt ist, hinüberspielt, muß mir auch der dogmatisch-orthodoxe Standpunkt, den man hier durchweg einnimmt und mit dem man unserer auf Thatsachen gegründeten naturwissenschaftlichen Überzeugung ins Gesicht schlägt, nothwendig nicht conveniren und ein christlicher Rationalismus, wie ihn Sydow || in seinen trefflichen Predigten, oder ein ethischer Humanismus, wie ihn Weiße (der Leipziger Philosoph) in seinen Aufsätzen ausspricht, oder vielmehr beides zusammen, sind für mein jetziges sittlich religiöses Bewußtsein und Bedürfniß die einzig zutreffenden Standpunkte. Dabei bin ich aber immer noch der Meinung, daß schließlich jeder nach seiner individuellen Eigenthümlichkeit sich selbst seine eigne Religion schaffen kann und muß und daß Schillers Worte: „In seinen Göttern malet sich der Mensch!“ in dieser Beziehung gewiß sehr wahr sind. Ich werde um so mehr zu dieser freieren und selbstständigern Auffassung gedrängt, je auffallender und widerwärtiger mir hier jetzt in diesen Pfingsttagen und der darauf folgenden Festzeit das abergläubische Formenwesen und der ganz unchristliche Bilderdienst, die Pfaffenherrschaft und der Mariencultus des Katholicismus entgegentritt, den ich in seinem widerwärtigsten Extrem freilich schon vorigen Herbst in Tyrol und Oberitalien hatte kennen lernen. Möge er immer mehr durch Aufklärung und wahre Bildung verdrängt werden, zu deren Verbreitung wir Naturforscher ja so vorzugsweise befähigt sind. –

Am Pfingstsonntag Nachmittag war so elendes Regenwetter, daß an eine Fußparthie nicht zu denken war. Da aber meine Freunde meinten, daß wir trotzdem, oder vielmehr grade deßhalb erst recht das schöne Fest feiern müßten, so wurde ein Wagen genommen und sehr fidel längsa des Mains hinauf nach || Randesacker, einem 1½ Stunden oberhalb gelegnen Dorf mit sehr gutem Wein gefahren, wo wir 6 zusammen sehr vergnügt waren und namentlich an einer Menge schöner Volks- und Burschen-Lieder (dem einzigen Musikgenre, das mich wirklich interessirt, und wo ich auch tapfer jetzt mitsinge) gesungen. Der kleine Beckmann sang dabei solo ganz reizende Alpen-Jodelliederb. Sehr erhöht wurde unsre Freude und Gemüthlichkeit dadurch, daß am Donnerstag vor dem Fest plötzlich und ganz unvermuthet Wilhelm Passow (derselbe, der einen Abend bei uns war, Vetter von unsern Berliner Passows) aus Prag herüber kam. Er dehnte diese hübsche Pfingstspritze bis Mittwoch nach dem Feste aus, welche Zeit wir sehr fidel zusammen verlebten. Am Pfingstmontag war ganz leidliches Wetter, so daß wir einen Extrazug nach Veitshöchheim benutzten, woselbst in dem großen, altfranzösisch ausstaffirten und verschnittenen Park ein echt Bairisches (d. h. Bier-) Volksfest arrangirt war. Da mir aber das eine so verhaßt ist, wie das andere, das Bairische Biervolksleben womöglich noch mehr, als der abscheuliche altfranzösische Roccocostyl, so drückte ich michc bald von meinen Freunden, welche sich vergeblich bei schlechtem Bier in dem Menschentrubel zu amüsiren versuchten, weg und kletterte durch die Weinberge zu meiner geliebten alten Edelmanns-Wald-Spitze hinan, demselben vorspringenden Waldsaum oberhalb der hohen Weinberge, auf welchen ich auch Dich, liebster Vater, während Deines hiesigen Aufenthalts hinaufschleppte. ||

Da wurde mir in der herrlichen grünen Maiennatur unter dem weiten blauen Himmel einmal wieder recht innig und herzlich, und fast sehr rührend zu Muthe. In der That kam auch Vieles zusammen, um mich so recht herzinnig stillvergnügt, „in meinem Gott vergnügt“, wie der alte Heim sagt, zu machen. Zwar reicht schon der frühlingsfrische, freudiggrüne Mai mit seinen Anemomen und Adonisröschen, seinem Waldmeister- und Gundelrebenduft allein hin, um ein naturliebendes Herz frisch- und wohlauf zu machen. Bei mir mußte das aber diesmal doppelt der Fall sein, da ich zum erstenmal aus der dumpfen, todten Anatomie-Klause in die frische Frühlingspracht hinaustrat. Und dann der wunderherrliche Blick von der hohen Waldspitze das weite freundliche Mainthal hinauf und hinab – längs des blauen Stroms die zahlreichen, freundlichen Dörfchen mit den rothen Dächern und dem schlanken Kirchthurm, eingebettet in das frischeste Maigrün der Obstgärten – die feierliche Festtagstille über das Ganze ausgebreitet, nur von dem lustigen Pfiff der Finken und dem melodischen Schlag der Nachtigall, unterbrochen, – dann das wunderliche Spiel des wilden Windes mit den wehenden Wolken, die er, in die seltsamsten, abenteuerlichsten Formen und Phantasie-Gestalten zusammengeballt, vor sich hertrieb und dann am Südwesthorizont sie alle in ein großes Heerlager sich zusammenthürmten, just ähnlich wie damals die seltsame Wolkenbildung auf dem Watzmann (wenigstens wurde ich lebhaft an dies freilich unendlich großartigere Schauspiel erinnert) || – dies Alles, Alles gab ein so einziges, köstliches Schauspiel ab, daß ich meinte, die Natur hätte ihrem Lieblinge, oder vielmehr Liebhaber ein ganz besonderes Festvergnügen bereiten wollen, von dem alle die 1000 Menschen da drunten in dem engen, trostlosen Kunstgarten gar keine Ahnung hatten, und daß ich mehrere Stunden ganz entzückt und seelig dort oben unter den grünen Bäumen lag, in das weite freie Mainthal hinausjubelte und Nichts vermißte als euch liebe Berliner Seelen alle, um mit mir meine Freude zu theilen. Dieser kleine Erdenfleck hier ist mir nun aber auch der liebste in der ganzen Würzburger Umgebung geworden. Wie oft habe ich hier schon stundenlang mit mir und meiner Natur allein gelegen und mir im Waldesduft und Bergesluft Kraft und Erquickung für das Stuben- und Studienleben geholt. Grade dieser Punkt ist es, von dem aus ich schon mehr als drei- oder vier-mal Abschied von der Würzburger Gegend nahm, immer in der Meinung, nie wieder zu kehren! Und doch kehrte ich noch jedesmal wieder, und mir immer zu neuem Nutzen und Frommen. So glaubte ich noch vor Kurzem, Anfang Februar als ich zum letztenmal vor den Ferien dort war, dies wäre gewiß das letztemal für Immer – und nun befand ich [mich] wider alles Erwarten am Pfingstmontag 1856 doch wieder da, und wie ich gewiß glaube, nur zu neuem Nutzen für meine innere Ausbildung. Indem ich diesem Gedanken nachging, wurde ich so recht freudig dankbar gegen Gott gestimmt, der ohne all mein und euer Zuthun mich in der kostbaren Studienzeit so glücklich geleitet und mich gewiß zu meinem größten Nutzen immer wieder || hierher zurückgeführt hat. Was wäre aus mir geworden wenn ich immer in Berlin geblieben wäre! Ein höchst versimpelter, menschenscheuer Philister, ein einseitiger Stubengelehrter, und jedenfalls auch kein Mediciner! Wenn ich Johannes Müller ausnehme, der allerdings für die Richtung meines Lieblingsstudiums einen ganz entscheidenden Einfluß gehabt hat, so verdanke ich Alles Andere, was ich in wissenschaftlicher Beziehung bin und habe, dem alten Würzburg mit seinen höchst anregenden, jugendkräftigen Lehrern, seinem regen, wissenschaftlichen Streben, und seinem gediegenen Gemeinleben. Wie viel habe ich nicht hier gelernt, und wie mich verändert! Das trat alles so recht lebhaft an dem schönen Pfingstmontag vor meine Seele und versetzte mich in eine so glückliche zufriedene Feststimmung, daß ich noch nie ein so fröhliches Fest gehabt zu haben meinte, und den festen Vorsatz, das hohe Ziel des „Wahren, Guten und Schönen“ mit Aufbietung aller Kräfte zu verfolgen, aufs Ernstlichste erneuerte. Freilich waren das Stunden der erhöhten Stimmung, und ich weiß wohl, daß ich noch nicht so fest und sicher bin, daß auf diese nicht auch wieder Stunden des Kleinmuths und der Niedergeschlagenheit folgen werden.

Aber mögen diese auch kommen, solche erhöhte Stunden geben mir wieder Kraft und Muth auf lange Zeit, und ich gelange doch allmählich zu einem etwas festeren, constanterend Gleichmuth, und einem mehr gesetzten, männlichen Wesen, wozu ich jetzt in meiner Assistenz bei Virchow eine ganz vortreffliche, wenn auch nicht sehr angenehme, Schule durchmache. ||

21/5.

In mein neues amtliches Verhältniß habe ich mich nun schon vollständig eingelebt. Die ersten 3–4 Tage wurden mir, wie ich euch schon schrieb, recht schwer. Nun ich sie mit einemmal aufgeben mußte, meinte ich zum erstenmal die Süßigkeit der academischen Freiheit, das Glück, ganz nach Belieben mit seiner Zeit zu schalten, recht zu würdigen. An continuirliche Arbeit war ich zwar von jeher gewöhnt. Daß ich aber auch einmal nicht bloß für meine eigne Ausbildung, sondern auch für Andere etwas thun sollte, kam mir anfangs sehr widerwärtig vor. Glücklicherweise gabs aber bald so viel Arbeit, daß ich gar nicht Zeit hatte darüber zu grübeln. Ich kam mit einem Zuge vollkommen in den neuen Wirkungskreis hinein und e war nach 8 Tagen schon völlig eingelebt. Jetzt ist mirs schon so als könnte es gar nicht anders sein und alles kömmt mir ganz leicht und natürlich vor. Wie ich vorausgesehen, wird das viele Unangenehme der etwas delikaten Stellung mehr als aufgewogen durch den großen Nutzen, den sie sowohl für Ausbildung meines Wissens, als besonders meines Characters hat. Der letztere wird tagtäglich stärker mehr in Anspruch genommen, verträgt aber auch allmählich alle Proben und Aufgaben besser, als je vorher. Oft kommt es mir selbst fast unglaublich vor, wie der Mensch, allein durch allmähliche Angewöhnung, auch die tiefstwurzelnden und festsitzendsten Schwächen ablegen kann. Anblicke und Gedanken, bei deren bloßer Erwähnung ich noch vor einem Jahre vor lauter Reizbarkeit und Empfindlichkeit, aus der Haut fahren zu || müssen glaubte, ertrage ich jetzt mit derselben Kälte und Gleichgültigkeit, mit der ich irgend einer mathematischen Deduction folge. Freilich hilftf aber das wissenschaftliche Interesse da über viele Schwierigkeiten hinweg, und außerdem ist grade mein jetziges Tagewerk mehr als alles Andere zur Abgewöhnung solcher Schwächen geeignet. So betraf z.B. die erste Sektion, welche mir Virchow ganz selbstständig überließ, einen stud. med. Schmitt aus Lippspringe, mit welchem ich diesen Winter im Entbindungshaus fast regelmäßig die langen Nächte durchplaudert hatte. Kurz vor Ostern hatte er mir noch ein fröhliches „Auf Wiedersehn in Berlin!“ zugerufen, und jetzt lag er statt dessen mit acuter Miliartuberculose vor mir auf dem Sektionstisch! –

– Ein andres herbes Probestückchen wurde vorgestern glücklich überstanden. Ich hatte bisher die Section immer nur im Beisein weniger Ärzte oder Studenten gemacht. Zu vorgestern wurden nun 2 sogenannte „klinische“ Sektionen angesagt, bei denen nicht allein das gesammte klinische Auditorium, sondern auch die Professoren und Studenten gegenwärtig sind. Für gewöhnlich macht diese immer Virchow selbst und ich schreibe dabei nur das Protokoll nach. Vorgestern nun ging ich noch kurz zuvor durch den Sektionssaal und sagte mir beim Anblick der großen Menschenmasse: „Doch gut, daß du nicht die Sektion zu machen hast!“ Kaum dies gedacht, so kömmt der Diener hereingestürzt: „Herr Doctor, der Herr Prof. läßt sagen, Sie sollten beide Sektionen machen; er müßte auf den Bahnhof, um zwei Herren aus Berlin zu empfangen!“ – ||

Das war denn wieder für mich so ein Blitz aus heiterm Himmel, geeignet, um den ganzen Kopf zu verlieren. Indeß, was halfs! Die Zuhörer waren da, und ich mußte wohl oder übel extempore die beiden Sektionen (2 fast ganz gleiche Pneumonieen) im Beisein des Herrn Prof. Bamberger etc machen. Anfangs schnitt ich mich natürlich mit zitternden Händen mehrmals in die Finger (glücklicherweise ohne alle üblen Folgen) und klemmte nur mühsam die nöthigen Bemerkungen aus der Brust heraus. Nach der ersten Viertelstunde war aber alle Angst verschwunden und ich brachte die Sache ganz unbefangen zu Ende! –

Auch im chirurgischen Operationscursus habe ich mich ganz gut, wider alles Erwarten eingewöhnt und sehe darin täglich zu meinem Troste, daß ich noch lange nicht der Allerungeschickteste bin, da ich von mehreren Älteren darin entschieden übertroffen werde. Ja das systematische Arm- und Bein-Abschneiden, Exarticuliren und Trepaniren etc. fängt sogar, allerdings mehr Curiositatis causa, an, mir einigen Spaß zu machen. So wäre denn also auch die letzte, von mir für unüberwindlich gehaltene Schranke gefallen, vong welcher ich fürchtete, daß sie mich unmöglich könnte Arzt werden lassen, und ich habe mich mit diesem Gedanken, im Nothfalle practischer Arzt zu werden, jetzt schon so vollkommen ausgesöhnt, daß mir die Verwirklichung desselben gar nicht mehr unmöglich erscheint, zumal wenn ich dabei zugleich an ein recht nettes Familienleben denke, ein in seiner Art gewiß ganz einziges Glück! Zuerst muß aber gereist werden! Die Reiselust steckt mir viel zu tief und unvertilgbar in allen Gliedern, um irgend welchen Rücksichten nachzustehn, und an einem so schönen Tage, wie heute und gestern, zuckt mirs in den Beinen, als müßte ich gleich auf den Watzmann klettern! || Die Muskelfülle, die ich mir vorigen Herbst auf der Reise angeschafft, ist mir bei dem vielen Sitzen jetzt ordentlich lästig. Überhaupt habe ich für das ewige Stubenhocken einen viel zu leistungsfähigen Cadaver, und ich muß durchaus einmal ein paar Jahre hinaus und die Welt durchwandern! Ich weiß gar nicht, wie ich das den ganzen Sommer hier in dem engen Nest aushalten werde! –

Mit dem persönlichen Verhältniß zu dem Chef, jetzt der schwierigste Punkt, will sichs noch immer nicht so recht machen! Es wird auch schwerlich anders werden, sicherlich niemals gemüthlich. Wenn Virchow nur nicht so äußerst zurückhaltend wäre und so gar Nichts von dem verlauten ließe, was er eigentlich will und meint. So hat er gegen mich z. B. auch noch nicht einmal ein Wort des Lobes oder des Tadels hören lassen, obwohl er, namentlich zu letzterm, reichliche Gelegenheit hatte. Alles sieht er so fabelhaft ruhig, ungerührt und objectiv passiv an, daß ich seine außerordentliche stoische Ruhe und Kaltblütigkeit täglich mehr bewundern lerne und bald ebenso hoch schätzen werde, wie die außerordentlich klare Schärfe seines Geistes und den Überfluß seines Wissens. Wenn er meinem schäumenden Sprudelgeiste nur etwas davon abgeben könnte! Nun mit der Zeit wird das schon werden! Jetzt bin ich wenigstens schon so weit gekommen, daß ich mir jeden Satz, den ich zu ihm sage, erst ¼ Stunde lange überlege, und ihn dann vor dem Aussprechen noch 10mal im Munde herumdrehe. Schweigen werde ich dabei vortrefflich lernen! || Der einfache Grund davon ist der, daß ich mir in der ersten Zeit, wo ich alle Gedanken so ungenirt herausplauderte, wie ich gewohnt bin, mir entweder das Maul so verbrannte, daß ich nachher, wie mit kaltem Wasser begossen dastand, oder aber von ihm so ad absurdum geführt wurde, daß ich mir als der trivialste Wurm unter allen dummen Menschen vorkam. Die lohnendste Antwort, die ich bisher noch erlangen konnte, war nämlich, als ich ihm eine Idee vortrug, die ich über eine microscopische Beobachtung gefaßt und von der ich mir Wunder was versprach – „Ja“, sagte Virchow mit seiner gewöhnlichen Ruhe, nachdem er mich angehört, „diese Idee habe ich auch einmal in einer gewissen Periode meines Lebens gehabt!“ –

Wie oft habe ich schon, dieser ruhigen, klaren, scharfen Größe gegenüber, die kleinliche Alltäglichkeit meines unstäten, irrlichtergleich hin und her flackernden, nirgends sich rein und scharf aus sich selbst sichh ablösenden Geistes verwünscht! Wie wenig paßt ein so unklares, confuses, subjectives Wesen für einen Naturforscher! Und doch giebts Stunden, in denen ich nicht mit Virchow tauschen möchte. Kann Virchow wohl je so eines entzückenden Genußes sich erfreuen wie ich ihn so oft in meiner subjectiven Naturbetrachtung, sei es einer schönen Landschaft oder eines allerliebsten Thierchens, oder einer niedlichen Pflanze, genieße? Sicher nicht! Auch müßte es schrecklich auf der Welt sein, wenn alle Männer so nüchtern und verständig wären, fast so schrecklich, als wie wenn alle solche krause Chaosköpfe wären, wie meine Wenigkeit! ||

In den letzten Tagen hats übrigens weniger zu thun gegeben, so daß ich etwas mehr freie Zeit hatte, welche ich immer eifrigst dazu benutze, um nach den Präparaten der Sammlung normale menschliche Anatomie zu repetiren, ein sehr wichtiger Fundamentalzweig, in dem ich leider sehr viel vergessen habe. –

Vorige Woche haben wir zweimal zu 8 Mann hoch Maibowle gekneipt. Die eine gab Mitscherlich, die andere ich. Dabei fand ein Theil Deiner Berliner Wurst, für die ich Dir, liebe Mamma, herzlich danke, großen Beifall. Die Sachen sind übrigens alle richtig und wohlbehalten angekommen. Ebenso Dein vorletzter Brief. Habt ihr denn auch bisher immer so kaltes und regnichtes Wetter gehabt? Bei uns war gestern der erste schöne Tag. Die Glacisanlagen rings um die Wälle sind jetzt im Maiengrün allerliebst. Ich denke freilich dabei immer: „Wie mags jetzt im Etsch-, oder SarkaThal aussehen?“ –

Vorgestern waren der Charitédirector Esse und der Hr. Rathszimmermeister von Berlin hier, überbrachten Virchow das definitive königliche Dekret, und sahen sich die hiesige Anatomie an, um danach das neue Leichenhaus in der Charité zu bauen und einzurichten. –

Ich habe vorige Woche ebenfalls meine officielle Ernennung bekommen und dafür gleich meine Kündigung für den ersten Oktober dieses Jahrs eingereicht. Ein Fünftheil dieses letzten Würzburger Sommers ist also schon vorbei. Das soll ein hübscher Winter in Berlin werden! Freut ihr euch auch darauf? [Briefschluss fehlt]

a eingef.: längs; b gestr.: Burschen; eingef.: Alpen-Jodel; c eingef.: mich; d irrtüml.: constanteteren;; e gestr.: meinte; f gestr.: ist; eingef.: hilft; g eingef.: von; h eingef.: sich

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
21-05-1856
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 37516
ID
37516