Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 7. Februar 1854

Würzburg 7/2 1854a

Liebe Eltern!

Habt vor allem den schönsten Dank für euren lieben ausführlichen Brief, der mich sehr erfreut hat. Nun weiß ich doch ordentlich wie alles bei der Taufe meines lieben Pathchens zugegangen ist und wie ihr zusammen in Ziegenrück gelebt habt. Daß das kleine Karlchen euch allen ungemein viel Freude macht und zu sprechen giebt, kann ich mir recht denken; ich denke mich auch immer in die glückliche junge Familie hinein, und wünschte nur, ich könnte sie bald einmal besuchen. Gott erhalte uns dies Glück und lasseb den Kleinen recht gedeihen und brav werden. Mit Deiner Gesundheit, liebes Mutterchen, geht es hoffentlich wieder ganz gut; schreib mir doch ja, was du machst; wenn ich nur wüßte, was Dir fehlte, ich wollte Dir gleich ein „Recipe“ schreiben; aber am Ende helfen doch alle Recepte Nichts, wenn sich die Natur nicht selbst hilft. Die Deinige hat sich gewiß schon geholfen und Du bist hoffentlich wieder ganz munter und frisch. Wie geht es denn bei Juliussens? –

Mein Philisterleben schleppt sich hier in gewohnter Weise von einem Tage zum andern hin, oder vielmehr, fliegt dahin, denn je länger man lebt, desto rascher vergeht einem die Zeit. Mir ist es jetzt ordentlich, als ruschte der liebe Helios mit Dampf über den Himmel hin, statt sich seiner langsamen alten 4 Pferde zu bedienen. || Der eine Monat Januar, der nun schon wieder vom neuen Jahre vorbei ist, kommt mir just wie 1 Tag vor und mein letztes glückliches Zusammenleben mit euch in Ziegenrück dünkt mir kaum ein paar Wochen her zu sein. Wenn das so fort geht, so wird die Zeit im Umsehn da sein, wo ich wieder einmal ordentlich mit euch Lieben häuslich zusammenleben kann, worauf ich mich ungemein freue. –

Übrigens verstreicht mir jetzt 1 Tag so gleichmäßig wie der andere und selten passirt einmal irgend was Erwähnenswerthes. In meiner Beschäftigung sind einige Veränderungen eingetreten. Zu dem verrückten Narren Rienecker laufe ich gar nicht mehr; ich habe das ewige Kohlen, Schwefeln, Mähren oder wie ihr sonst dies faule Geschwätz nennen wollt, herzlich satt. Daß die ärztliche Praxis im Grunde 1 recht jämmerliches Getreibe ist, habe ich gründlich genug bei ihm gelernt (wenn ichs nicht schon vorher gefürchtet hätte); und von der Materia medica profitire ich 10mal mehr, wenn ich ein gutes Buch darüber zur Hand nehme, als wenn ich in jenes grundschlechte Colleg gehe. (À propos da fällt mir ein, fragt doch einmal Quinke, was für ein Handbuch über Heilmittellehre er mir empfiehlt – ob Oesterlen oder Clarus oder Schoeman etc, da ich mir jetzt eins anschaffen will.) ||

Ich bleibe deshalb jetzt täglich bis 11 Uhr früh zu Haus und ochse wüthend –? Botanik! – Nämlich zu meinem Vortrag im physiologischen Kränzchen. Ich wollte Anfangs einen Abschnitt der Pflanzengeographie nehmen (über den Einfluß des Klima, namentlich der Wärme, auf die Pflanzenvertheilung und ihre Verbreitungsbezirke) da habe ich 1 Menge sehr interessanter, kleinerer Schriften durchgelesen, die zum Theil auch dich, lieber Vater, recht interessirt haben würden, da manche der hier einschlagenden Fragen von allgemein menschlichem Interesse sind. So ist es z. B. 1 sehr wichtiger, [in] neuerer Zeit weiter ausgeführter Gedanke, daß die mit der Kultur Hand in Hand gehende Ausrottung der Wälder den allerverderblichsten Einfluß ausübt, und nicht bloß die Existenz der die Wälder vernichtenden Völker selbst bedroht, sondern auch das davon betroffene Land ein für allemal unbewohnbar macht. Die Beispiele vom Orient, von den Heimathländern der alten Völker bestätigen dies in auffallender Weise. Indien (oder vielmehr Persien und Babylonien), Syrien, Palästina, Ägypten, Griechenland etc waren im Alterthumc die reichsten und gesegnetsten Länder. Vergeblich sind aber alle Versuche, diese jetzt ganz verödeten und verwüsteten Ländermassen wieder fruchtbar und culturfähig zu machen, da die Ausrottung der Wälder || ein total anderes Klima nach sich d gezogen hat, eine dürre, feuchtigkeitslose, heiße und trockne Atmosphäre, in der auf dem ausgedörrten Boden nur noch kümmerliche Wüstenpflanzen fortvegetiren können. Daß dies sich wirklich so verhält, ist historisch und naturwissenschaftlich nachgewiesen. Die ganz einfache Folgerung aber, welche wir daraus ziehen können, ist, daß es mit unserm westlichen Europa über Kurz oder Lang auch so gehen wird; daß wir uns mit jedem neugefällten Wald (deren Zahl ohnehin schon so e geschmolzen ist) eine neue wüste Landstrecke bereiten, auf der bald kein Getreide wegen Mangel an Feuchtigkeit (welche durchaus an die Wälder gebunden ist) mehr wird gebaut werden können; daß so mit der Zeit Hungersnöthe und in Folge dessen colossale Auswanderungen in neue Länder (deren segensreicher Wälderschmuck noch nicht der Axt der Zivilisation erlegen ist) eintreten werden und daß sich so die Masse der cultivirten Völker, dem ewigen Zuge und Drange von Ost nach Westen folgend allmählich in den neuen Welttheil übersiedeln wird, (die jetzigen starken Auswanderungen sind nur der Anfang dazu) bis endlich auch dieser demselben Schicksal, wie Europa, und vor ihm Asien, erliegen wird – Und was dann? – Ja das kann freilich niemand sagen! ||

Es kommt bei der naturwissenschaftlichen (physikalischen und botanischen) Behandlung dieser Lebensfrage also dasselbe Resultat heraus, welches der alte Wieck immer aus historischen und philosophischen Gründen zog, nämlich, daß es mit Europa und seiner Hypercultur bald aus sei und daß der Strom der unaufhaltsamen Völkerwanderung Europa bald ebenso einsam und wüst als ausgebeutetes Feld hinter sich lassen werde, wie es einst mit Asien geschehen sei. Wenn ich nicht irre warst du damals immer der entgegengesetzten Meinung, und bist es auch wohl jetzt noch. Ich muß gestehen, daß ich nachdem, was ich darüber jetzt gelesen und gedacht, doch mich mehr zu der andern Ansicht hinneige (nämlich daß Europa f sowohl durch jene physische Verödung, in Folge der Waldausrottung, wodurch das Klima entschieden viel heißer, trockner, unfruchtbarer wird h, als auch besonders durch seine i moralische Verderbniß die immer unausbleibliche Folge der Hypercivilisation ist, in nicht so gar langer Zeit, wenigstens theilweis, zu Grunde gehen wird.) Jedoch theile ich diese Ansicht zum Theil auch nur aus dem Grunde, weil sie die „schwarzguckerigere“ oder melanopterischere ist! Wie schade, daß ich dies interessante und wichtige Thema nicht mündlich ausführlich mit Dir besprechen und alle Gründe pro et contra anführen kann; das würde sehr nett sein. –

Ich hatte also wie gesagt, dieses Thema anfangs zur Grundlage eines Vortrags machen wollen. Später schien es mir doch gar zu allgemein und unwissenschaftlich zu [sein] || und ich wollte mehr den speciellen Einfluß des Klima auf die Pflanzenwelt überhaupt schildern, besonders ausführen, wie die Kältegrade, welche man bei zunehmender geographischer Breite in den Zonen antrifft, genau dieselben Veränderungen in der Form, Lebensweise, Vertheilung der Pflanzen bedingen, wie jene Kältegrade, welche man bei zunehmender Höhe über dem Meere antrifft. Wenn man nämlich unter den Tropen einen hohen Berg besteigt, so trifft man nacheinander alle jene so höchst verschiedene Pflanzenformen an, welchen man genau in derselben Reihenfolge auf einer Reise vom Äquator nach den Polen begegnet. Auch hierüber habe ich viele interessante Aufsätze (namentlich ganz classische von Humboldt) gelesen. Als ich aber nun jetzt nach fast 4wöchentlicher Arbeit mit diesem Aufsatz fertig war, befriedigte er mich wieder nicht, schien mir viel zu oberflächlich und allgemein und auch für einen mündlichen Vortrag (namentlich vor Medicinern) nicht recht passend zu sein und ich mußte mich noch nach einem andern, wissenschaftlicheren Thema umsehen, wozu ich jetzt (aber nun auch bestimmt) die höchst interessante „Fortpflanzung der kryptogamischen Gewächse“, mit der ich lebhaft beschäftigt bin, und die wirklich Tag und Nacht meine Gedanken in Anspruch nimmt, gewählt habe. Übrigens ist jene Arbeit durchaus nicht vergebens, da ich sie mit großer Lust und Liebe gemacht habe, indem Pflanzengeographie (deren Gründer || A. v. Humboldt ist) immer eine meiner Lieblingsbeschäftigungen war, und ich jetzt sehr froh war, mich einmal genauer und eindringlicher mit ihr beschäftigen zu können. Daß ist überhaupt das Hübsche bei diesen Vorträgen, daß sie einen gewissermaßen moralisch zwingen, einmal eine Zeit lang seine ganze Aufmerksamkeit, welche beim gewöhnlichen Studium durch die Menge der Gegenstände ganz zersplittert wird, auf einen einzigen Gegenstand zu concentriren und diesen ex fundamento zu betreiben, was ebenso angenehm, als nützlich ist. Aus diesem Grunde war es mir auch sehr lieb, daß mich der mir aufgebürdete Vortrag zwang (o was für 1 harter Zwang!??), einmal wieder der lieben Botanik mich zuzuwenden, der ich jetzt sonst gar nichts von meiner allein (?)j der verwünschten Medicin gewidmeten Zeit schenken und zuwenden darf. Und da habe ich recht einmal wieder gesehen, wie tief und fest mich diese herrliche Wissenschaft anzieht und fesselt, so daß ich mich gar nicht wieder davon losreißen kann. Obgleich ich also vor dem Halten des Vortrags selbst einen ziemlich intensiven horror habe, so bin ich doch auf der andern Seite herzlich froh, mich auf einige Zeit meinen allerliebsten Botanischen Studien wieder ganz unbeschränkt und mit einem gewissen guten Recht in die Arme werfen zu können. Wie ihr euch leicht denken könnt, nimmt daher auch diese Arbeit (ach wenn doch alle so süß wären!) jetzt meine ganze frei Zeit in Anspruch und von andern Arbeiten ist nicht viel die Rede. ||

In der Geburtshilfe thue ich gar nichts. Überhaupt höre ich dies schauerliche und widerliche Zeug nur, weil es mit zu der horrida medicina gehört und besuche es nur noch, weil ich es einmal belegt habe. In der allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie bei Virchow thue ich auch nicht besonders viel, obwohl ich das angefangene, sehr ausführliche Heft (das mir zumalen auch ziemlich viel Kopfbrechen und andrerseits Langeweile macht) genau auszuarbeiten fortfahre. Der Vortrag ist allerdings sehr schön und genial, aber mit schrecklich viel Fremdwörtern und dunklen Ausdrücken – die oft absichtlich gesucht erscheinen – überladen, und die Materie an sich ist mir doch lange nicht so interessant, als die reine, normale Physiologie und Anatomie, während es bei meinen Commilitonen grade umgekehrt ist. Sehr viel Freude macht mir dagegen die physiologische Chemie bei Scherer, wo alle gewöhnlichen Lebensthätigkeiten des Körpers auf chemische und physikalische Gesetze reducirt werden (ein sehr gutes Colleg, nur leider etwas sehr kurz und oberflächlich); sowie auch das practische Analysiren im Laboratorio, das ich gar nicht satt kriegen kann und mit wahrer Lust betreibe. Ich analysire jetzt ziemlich zusammengesetzte Mineralien (aber nur quantitativ), manchmal auch organische Körper, z. B. Urin, Zähne, Eier etc etc. Wenn ich mehr practisches Talent hätte und überhaupt nicht so schrecklich unbehülflich und ungeschickt wäre, könnte ich wirlich im Nothfall, wenn das Andre nicht geht, Chemiker werden. ||

Am vorigen Freitag Abend war ich wieder mit meinem lieben Freund Hein bei Schenks, ganz solo, wo wir uns ganz gut unterhielten, bis auf die Politik, worin der Herr Prof. Schenk ganz unzurechnungsfähig ist. –

In der hiesigen Bevölkerung herrscht jetzt wieder die höhere Tanzwuth, die bis Fastnachten dauert; wöchentlich finden 2–3 noblere und viele obscure Bälle Statt. Nächstens werden vielleicht die Studenten einen Maskenball geben! –

Das Wetter ist hier jetzt ungemein mild geworden, mit viel Regen. Vorige Woche war der Main bei Eisgang so angeschwollen, daß er in die benachbarten Quaistraßen austrat. –

Am 28sten Januar wurde hier ein junger Privatdocent habilitirt, und zwar wieder für vergleichende Anatomie und Histologie! – Wenn nur nicht so gar viele Leute sich auf dies schöne Fach legen wollten! Da bleibt gar kein Platz für andre Leute, und was soll am Ende aus allen privatim docentibus werden? –

Übrigens ist jener Hr. Dr. Gegenbaur ein recht gescheuter und geschickter Kerl, der hübsch zeichnet, mit Kölliker und Müller in Messina war und sich länger als 1 Jahr dort aufgehalten hat, namentlich um Medusen, Polypen und andere niedere Seethiere zu beobachten. Die Habilitationsschrift handelte über den Generationswechsel jener Thiere. Der ganze Akt war übrigens mehr komisch, als feierlich, mit vielen schaurigen Ceremonieen und Äußerlichkeiten. || Nun liebe Eltern, lebt recht wohl, grüßt alle Freunde und Verwandte und behaltet lieb euren alten Ernst.

a gestr.: 53; später eingef.: 1854; b irrtüml.: lassen; c korr. aus: Altherthum; d gestr.: zieht; e gestr.: jede; f gestr.: durch; g gestr.: ); h gestr.: seine; i eingef.: (?)

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
07-02-1854
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37489
ID
37489