Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 26. Januar 1854

Würzburg 26/1 54a

Liebste Eltern!

Ich schreibe euch diesen Brief eigentlich nur aus 3 ziemlich unerheblichen Gründen, nämlich I, um euch in euren alten 4 Pfählen, wo das alte silberne Ehepaar sich wohl recht heimisch wieder fühlen wird, zu bewillkommnen, II, um euch mitzutheilenb, daß von mir unglücklichen simplen Philister, der sich jetzt durch verschiedne unglückliche oder unvorsichtige Äußerungen den Spitznamen: „kindliches Gemüth“ erworben hat, eigentlich gar nichts mehr mitzutheilenc ist (nämlich Neues!) III und hauptsächlich aber, um einmal einen recht netten und ausführlichen Brief zu bekommen. Eure letzten Zeilen aus Ziegenrück haben mich zwar herzlich erfreut und ich danke euch dafür, so wie für die äußerst wohlschmeckenden Süssigkeiten, aufs schönste. Indeß muß ich doch gestehen, daß ich einen etwas vollständigeren Bericht, besonders von der Taufe etc, sehnsüchtiglichst erwartet hatte, und daß mird der schöne Baumkuchen e diesef getäuschte Hoffnung nicht ganz hat versüßen können. Ich hatte gedacht, nun recht hübsch und ausführlich zu erfahren, wie, wo und wann die Taufe vor sich gegangen, wer die an- und abwesenden Pathen gewesen seien, wer außerdem bei der Taufe zu gegen gewesen etc, dann auch, was ihr alle in den 8 Tagen (um die ich euch herzlich beneide und die ich gar zu gern mit euch verlebt hätte) in Ziegenrück getrieben, was Onkel Christian von Ziegenrück für einen Eindruck bekommen und mitgenommen und was dergl. wichtige Kleinigkeiten, die mich aber in Gedanken sehr viel beschäftigt haben, mehr sind. Nun erfahre ich, Ernst Haeckel, als Pathe, aber nicht einmal den Namen meines lieben kleinen Pathchens! Hört, hört! Sagt selbst, ist das nicht zu doll? – Von der Taufe erfahre ich g fast gar nichts weiter als: „dem Kleinen mußte ein Stöpfelchen in den Mund gesteckt werden, damit er während der Taufe still war. Dieser Act hatte für mich etwas sehr bedeutendes!“ – Über diese laconische Kürze muß ich wirklich staunen und jemand, der meinen alten Papa nicht so gut kennt wie ich, würde kaum wissen, ob er die || „Bedeutung dieses Actes“ auf das „Stöpfelchenindenmundstecken“ oder auf die Taufe selbst beziehen soll. Und von dem corpusculum meines lieben kleinen Neffleins erfahre ich nur daß er „wie eine Füllwurst“ aussieht und beiläufig sehr hübscheh, blaue, muntre Augen hat“. Diese steckbriefartige Personalbeschreibung (denn poetisch kann ich diesen homerischen Vergleich nicht besonders finden) genügt aber meiner fortwährend mit meinem lieben Pathchen beschäftigten Phantasie durchaus nicht, welche sich ihn bald als niedliches Wickelkind (oder vielmehr Nichtwickelkind), bald als muntern Bergknaben in Ziegenrücks prächtigen Wäldern und so fort bis zum microscopirenden, botanisirenden, zootomisirendeni etc studiosus und endlich bis zum reisenden Naturforscher (auf Borneo, Madagascar, Neuguinea, Brasilien oder wo du sonst willst) aufs lebhafteste ausmalt. Das letztere bleibt doch immer mein Ideal und daß ich diesem entsagen muß, kostet mir die schwerste Überwindung. Hoffentlich kann einmal mein Neffe diese herrliche Mission erfüllen! –

Also, wie gesagt, lieber Papa, da Du jetzt wieder Muße zum Denken und Schreiben genug hast, so erfreue mich recht bald einmal wieder mit so einem netten, ausführlichen Briefe. Aus den Erzählungen Ernst Reimers wirst Du auch für mich höchst anziehende Merkwürdigkeiten genug schöpfen. Wie beneide ich den jungen Mann um die Anschauungen, die er genossen hat. Grüßt ihn recht herzlich von mir und quetscht ihn recht aus! –

Von mir und hier kann ich euch wirklich gar nichts berichten, wenn euch nicht etwa ein paar Stadtneuigkeiten interessiren. Dieses sind erstens 2 große, viel Aufsehen machende Giftmordprocesse. In dem einen hatte ein Mann seine erste Frau nebst deren 2 Stiefkindern, dann seine zweite, schwangere Frau vergiftet mit Arsenik. In dem andern hatte eine Frau 3 Männer hinter einander mit Phosphor und Arsen vergiftet! Ist das nicht scheußlich? Übrigens sind beide zum Tode verurtheilt. Da giebt es viel Wichtiges zu microscopiren, was man an der gewöhnlichen Leiche nicht sehen kann. ||

Die neuste Neuigkeit ist der gestern Abend stattgefundene große Studentenball, welcher wirklich auch die kühnsten Erwartungen übertroffen und bei der Würzburger Mädchenwelt ein solches Furore gemacht hat, daß „man noch reden wird davon in künftigen Zeiten“ und daß die Bürger beschlossen haben, sich zu revangiren. Er ging hauptsächlich von den verschiedenen Chors aus, welche Alles auf boten, um das j Fest zu einem wahren Zauberfest zu machen, und namentlich die hier am höchsten angeschriebenen Harmoniebälle zu überbieten, da die Harmonie in „Verruf“ wegen einer Zwistigkeit ist, bei welcher 2 Chorstudenten von dem Harmonievorstand beleidigt wurden, und derentwegen jetzt die Harmonie ganz von Studenten verlassen ist. Die Zahl der Theilnehmer an diesem Ball belief sich auf 200. Eingeladen war das sämmtliche Corpus academicum, die Bürger mit den schönsten Töchtern etc. Ich nahm natürlich nicht Theil, habe aber heute früh mir nachträglich die Localitäten (im Theater) angesehn, welche wirklich allerliebst decorirt sind. Die Wände der breiten Treppe sind ganz mit Tannenreiser geschmückt, in denen kleine Gypsbüsten versteckt sind. In der Mitte der Treppenwand funkelt über einer Hebe-Statuek ein Stern von gekreuzten Rappiren, der durch eine bengalische Flamme (rothe Strontianflamme) erleuchtet war. Ähnlich war der große Tanzsaall, von 2 Säulenreihen durchlaufen, decorirt. An den Wänden ringsum exotische Pflanzen aus dem Hofgarten, an der Decke Guirlanden von Tannenreisern, welche sternförmig radiär in dem Kronleuchter zusammenliefen. Die 12 Säulen waren sehr schön mit dem Wappen-Wahrzeichen der verschiednen Chors in den buntesten Farben geschmückt, darüber und darunter ritterliche Trophäen, bestehend aus sich kreuzenden Schlägern, Pariesern (Stoßdegen) und Pickelhauben; Außerdem an jeder Säule noch 1 Statue. An den Seitenwänden prangten auf Postamenten die Büsten des Königs und der Königin, von Pflanzengruppen umstellt. Die Hauptwand aber zierte ein Springbrunnen von Eeau de milles Fleures welches der Assistent im chemischen Laboratorium bereitet hatte. || Diese periodische Fontäne, welche mit ihrem aromatischen Duft noch heute alle Säle erfüllte, steigerte das Staunen der Damenwelt auf den höchsten Gipfel des Entzückens und war beständig von Jungfrauen umlagert, welche sich von ritterlichen Chorburschen ihre respectiven Schnupftücher etc mit dem Duftwasser tränken ließen. Über dem Springbrunnen flatterten stolz die Fahnen der verschiednen Chors und mitten drin die goldne Universitätsfahne. Bei guter Beleuchtung muß sich das Ganze wirklich wunderbar schön gemacht haben. –

Vorige Woche erfreute mich auch ein Brief meines treuen Ernst Weiss. Er ist ziemlich niedergeschlagen, daß er nicht in Berlin studiren soll, wie er gehofft hatte. Ich habe ihn in meiner Antwort darüber getröstet. Sein Onkel hat wirklich ganz recht, wenn er ihn erst in spätern Semestern nach Berlin kommen läßt. Für die ersten Semester bringt Berlin lange nicht so viel, als für die spätern. Er meldet mir auch den Tod des kleinen guten Magister Steinmetz welcher an einer Wassersucht sanft und schmerzlos gestorben m und unter außerordentlich großer Theilnahme von Studenten, Bürgern, Schülern etc beerdigt worden ist. Das war doch ein recht braver, tüchtiger Mann, der sich in seinem sauern Lehramt keine noch so große Mühe verdrießen ließ. Außerdem schreibt Weiss noch ganz entzückt von dem kleinen Ernst Osterwald, welcher ein Prachtjunge würde, wie ihm noch keiner vorgekommen sei! Das freut mich wirklich unendlich! Hoffentlich werden alle meine Pathchens solche Prachtexemplare. Ganz besonders hoffe ich dies von dem jüngsten, welcher ein 10mal so tüchtiger Kerl werden soll, wie sein Onkel. Ich zähle nun schon 3 Pathchen: Ernst Osterwaldt, Ernst Heimstaedt (?!) und den kleinen anonymus Haeckel, dessen Namen ich noch nicht einmal weiß! Ich komme mir förmlich würdevoll vor! –

Wie geht es denn mit Deiner Gesundheit, liebe Mutter? – Hoffentlich bist du wieder ganz auf dem Damm und recht frisch und munter wieder zu dem lieben Großpapa und Tante Bertha zurückgekehrt, die Dich recht entbehrt haben werden. Grüße sie recht herzlich, sowie auch alle andern Freunde, Theodor etc, besonders auch Adolph Schubert, welcher wohl wieder aus unserm Clavier einige schlummernde Töne wecken wird.

Nun erfreut aber bald durch ausführliche Nachricht euren treuen alten Jungen

Ernst H.

Nochmals vielen Dank für die Süßigkeiten!

a korr. aus: 53; b korr. aus: mitthutheilen; c korr. aus: mittutheilen; d korr. aus: mich; e gestr.: in; f korr. aus: diesen; g gestr.: als P; h korr. aus: blü; i korr. aus: zootomisch; j gestr.: Za; k korr. aus: Statut; l korr. aus: Tanzsall; m gestr.: ist

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
26-01-1854
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37488
ID
37488