Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Carl Gottlob Haeckel, [Würzburg], 27. Dezember 1853

27/12 53

Mein lieber Vater!

Ganz ohne Glückwunsch zum neuen Jahr auch für Dich kann ich doch den Brief nach Schifferstr. No 8 nicht abgehen lassen. Tritt also das neue Jahr recht in Gott vergnügt und munter mit Deiner alten lieben Jünglingsfrische, die a immer unsre Freude und unser Stolz ist, an. Mögest Du in diesem neuen Jahre alle Deine Hoffnungen und Wünsche als Mensch, Christ, deutscher Patriot und Vater und Großvater, in Erfüllung gehen sehen. In ersterer Beziehung wünsche ich Dir namentlich daß Du nicht, wie bisher, Dich so fürchterlich und innerlich über alle dummen Streiche unsers liebenswürdigen Ministerii und die höhere camarilla ärgerst, als gingen sie Dich näher an, als Deine Familie, welche Dich doch gerne noch recht lange in der alten, lieben Frische und Munterkeit, und nicht durch politischen Ärger und Kummer verstimmt, bei sich haben will. Auch über das deutsche Volk möchte ich Dich dringend bitten, Dich ebensowenig als über die andern politica, zu ärgern und zu erboßen. || Da Dir dies ebenso wenig helfen wird, wie bei den andern. Allerdings scheint selbst mir das liebe deutsche Volk sich philiströser und michelhafter treten zu lassen, als je, und wer weiß, ob noch was Gescheuts daraus wird; aber was hilfts, wenn man noch so viel darüber raisonnirt! Höchstens erlaube ich Dir, in Deinen 4 Wänden recht lustig und laut über all die politischen und religiösen Jämmerlichkeiten und Erbärmlichkeiten zu schimpfen. Aber Dich still darüber zu grämen und abzuärgern, das muß ich Dir als Dein getreuer Dr med und Hausarzt durchaus untersagen! Denn warum? – Durch den vielen stillen Ärger wird bekanntlich die Gallensecretion ungemein vermehrt, so daß sie zuletzt nicht genügende Verwendung bei der Verdauung findet und also von dem Blut zum Theil resorbirt wird, wodurch also das gelbe Gallenpigment in alle Körpertheile geführt und dort unter der Haut abgelagert wird, woraus dann „Gelbsucht“ wird. Daher die alte Redensart: „Vor Ärger gelb werden“! Also wie gesagt, unter keiner Bedingung politischen Ärger! || Um so mehr verordne ich Dir dagegen, Dich im Kreise Deiner Familie zu freuen, insonderheit über das glückliche Ziegenrücker Stammhaus und sein Enkelchen, was 1 recht prächtiges, tüchtiges Kerlchen geben muß. Ich bin ungeheuer neugierig darauf, wie Du gewiß auch, und kann kaum die Zeit abwarten, bis ich es gesehen habe. Ich werde mich nun freilich 1 bischen gedulden müssen! –

Wie hast Du denn die Weihnachtsfeiertage zugebracht? Wahrscheinlich bei Großvater und sehr glücklich in Gedanken an Ziegenrück! Hast Du meinen Brief an heilig Abend bekommen? Ich habe den letztern sehr einsam und still für mich zugebracht aber doch recht vergnügt im Auspacken meiner Weihnachtskiste, für die ich auch Dir als eigentliche Quelle, herzlich danke! Netter Weise bekam ich sie grade am 24sten Abends. Mit meinen Gedanken spazierte ich abwechselnd zwischen Berlin und Ziegenrück hin und her. Den ersten Feiertag (25sten) Abends brachte ich dagegen sehr vergnügt und nett im Kreise von 6 auserlesnen Commilitonen zu, sehr nette und liebe Leute, worunter auch der mir am nächsten stehende Bekannte Hein, gehörte, welcher mich dazu eingeladen hatte. || Die specielle Beschreibung der Weihnachtsfeier mußt Du aus dem Briefe ersehen, den ich dieser Tage nach Ziegenrück schreibe. Die paar Ferientage jetzt habe ich benutzt, um mit mehrern alten Arbeitsresten endlich einmal ins Reine zu kommen. Vieles Andere, das ich mir dazu noch vorgenommen hatte, ist nicht zur Ausführung gekommen, wie das natürlich immer so geht. Ach Gott, wenn man doch nur einmal genug Zeit hätte! –

Den sehr schönen Nachmittag des ersten Feiertages habe ich ausnahmsweise einmal einen tüchtigen sehr wohlthuenden frischen Spaziergang (auf die Zeller Waldspitz) gemacht. Sonst haben wir hier außerordentlich kaltes Wetter (mit wenig Schnee) was hier seit 15 Jahren nicht vorgekommen sein soll. An den Morgen der beiden Feiertage war es –16 bis –14° R und meine Fenster thauten den ganzen Tag nicht auf. Läufst Du denn bei die Kälte auch spazieren? – Nun, mein lieber Alter, lebe recht wohl und tritt das neue Jahr 1854 recht gesund und glücklich an! Dies wünscht Dir von Herzen Dein treuer alter Junge

Ernst H.

a gestr.: uns.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
27-12-1853
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37486
ID
37486