Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 20./21. September 1883

Potsdam 20/9 83.

Mein lieber Ernst!

Obgleich ich Dir erst vor wenigen Tagen geschrieben habe, so muß ich doch wieder heute einige Zeilen an Dich richten. Du kannst denken, wie mein Herz am heutigen Tage bewegt und voll ist: unser guter Karl manche schwere Lebensaufgabe, Gott erhalte ihn gesund, gebe, daß er bei den verschiedenen Lebensaufgaben immer das Rechte treffe. Wenn er auch manichmal bewegt aussieht, so finde ich doch, und freue mich darüber, wie er mit Frische seine Pflichten thut. – – ||

Wie sehr leid ist es mir, mein Herzens Ernst, daß Du beim Einzug das Unangenehme gehabt hast, Deinen Fuß zu verletzen, und ich bitte Dich dringend, recht vorsichtig zu sein: nicht zu früh den Fuß zu gebrauchen; ich kann mir denken: wie Du leicht ungeduldig werden kannst, da so viel jetzt zu ordnen ist und doch kannst Du bei Deinem vielen Krimskram auch liegend viel ordnen und ich bitte Dich nur, dies mit Geduld zu thun, daß jetzt beim || Einräumen der Sachen auch alles gehorig geordnet werde; ich glaube, Du würdest Dir viel Zeit und Mühe sparen: wenn Du nicht allen Herrlichkeiten, die Du hast, nicht so kunter bund durch einander in Deine Schränke stopftest. Jetzt beim Umzug hast Du mal Veranlassung Alles in Ordnung zu bringen. –

Freitag.

Als ich gestern am Schreiben dieser Zeilen war, kam Bertha zu Karls Geburtstag, die heute wieder zurück fuhr. Wir waren gestern zu Mittag bei Karl, und fuhren || Nachmittags nach Trebin beim herrlichsten Wetter, was wohl jedem erfreute, obgleich gewiß jeder wohl im Herzen bewegt war wie ernste Sorge uns doch Annas Kranksein macht. –

Karl läßt schön grüssen, er ist sehr müde von einer langen Sitzung. Hoffentlich höre ich bald, daß Dein Fuß wieder ganz gut ist. So gerne ich auch einmal das neue Heim, was Ihr, meine lieben Kinder, Euch gegründet habt, sehn mögte, so kann ich doch nicht gewiß ver-||sprechen ob es mir möglich sein wird, die Reise zu machen. Von den mancherlei Beschwärden, die das Alter mitbringt, ist wohl die drückenste: das Gefühl, Anderen zur Last zu fallen. Nun wollen wir vor Allem nur wünschen, daß Dein Fuß bald gut sein möge. –

Grüsse Agnes und die Kinder herzlich von mir, und Dir noch einen herzlichen Kuß von

Deiner

alten Mutter

Lotte Häckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-09-1883
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36963
ID
36963