Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 27. – 29. Oktober 1880

Potsdam 27/10 80.

Lieber Herzens Sohn!

Herzlichen Dank für Deine heute erhaltene Zeilen, die mich sehr beruhigen, da Du mir schreibst, Ihr wäret wohl, hatte ich doch Sorge, Dir möchte der schnelle Wächsel von dem schönen Südklimat mit unserem [!] so heftig aufgetretenen Nordkälte geschadet haben. Nun, bitte, sei vorsichtig, nimm Dich in Acht, und übertreibe nicht, mit Deiner Arbeitskraft halte Haus! – –

Gestern waren meine Gedanken viel bei Euch: ich wolle mir zur Feier von Agnes noch eine be-||sondere Freude machen, und bat Karl mit seinen Kindern den Abend bei mir zu sein. Karl konnte nicht, er steckt sehr tief in Arbeit. Anna und Marie kamen nach dem Abendbrod noch etwas zu mir, und wir spielten eine kleine Partie Wist.

29/10

Gestern konnt ich nicht schreiben, weil Karl in Geschäften nach Berlin war, und ich mit ihm noch überlegen wollte wie Du am Beßten Deine Geldangelegenheiten ordnest. Ich bin entschieden dafür, daß Du so viel es angeht das Geld auf sichere || Hipoteken verleist, denn mit dem nerviegen Wechsel der Pappiere, ist es zu schlimm; etwas würde ich immer in Pappiere behalten, dabei ist das Gute, daß man in vorkommenden Fällen gleich Geld flott machen kann. Karl ist gestern in Berlin auf dem Gericht gewesen wegen Deines Hipothekendocuments; dort ist ihm gesagt, es sei bereits an Dich geschickt; Du wirst es also wohl haben oder in diesen Tagen erhalten. Karl meint, Du möchst es mit herbringen, wenn Du kommst. ||

Karl hat Auftrag gegeben zu weiterm Unterbringen des Geldes; ihm war schon eine Hipothek geboten, die sicher wäre, aber bei näherer Erkundigung, hörte er daß es ein säumiger Zinszahler sei, da ist er nicht weiter gegangen. Berechne Dir mal: wie viel Du überhaupt ausleihen willst; für es [!] erste sind wir der Meinung ob nicht am Beßten ist, Du schickst das Geld her, und wir legen es in die Creditbank, wo schon jetzt für Dich 6000 Mark liegen.||

Karl denkt, es könne sich mal schnell zu einer Hypotek Gelegenheit finden, und dann müßten die Papiere verkauft werden, die erst eben gekauft seien. Hast Du aber schon dort Pappiere angekauft, so kann man ja mit dem Verkauf anderer Pappiere wartten bis man a ein Kapital auf Hypothek giebt. Auf jeden Fall ist es aber gut: wenn Du die Summe angiebst, die Untergebracht werden soll. Von Deinen Pappieren war die Preussische Capital Bank gekündigt, die || dafür erhaltene 1500 Mark stecke in die 6000 Mark in der Creditbank. Uebrigens findest Du die genaueb Berechnung über Deine Schätze in dem kleinen blauen Büchelchen: Berechnung über Ernstens Einnahme und Ausgabe; am 21/10 habe ich auch für Dich eine Bergisch-Märkische Obligation von 600 Mark gekauft. –

Obgleich ich weiß, daß mein lieber Ernst sich lieber mit Medusen als mit Geldangelegenheiten sich befaßt, so muß ich doch noch eins zur Sprache bringen: Du hast im vorigen Jahr Karl zu meiner Miethe eine Beisteuer gegeben, wofür || ich Dir danke, aber es ist mein dringender Wunsch, daß Du es nicht wieder thust; ich denke, ich werde die Miethe aus meinen Mitteln bestreiten können; sollte es mal nicht möglich sein, so wende ich mich an Dich, das verspreche ich Dir; aber es ist besser, ich bestreite es selbst.

Doch nun genug von diesem Quark, der aber besprochen sein will. Karl grüßt Dich schön, er steckt tief in Jurischtischen Arbeiten, c aber alle sind gesund: Herrmann wird nächstens || herkommen, und den Winter benutzen, sich zum Ober-Gärtnerexsamen vor zu bereiten.

Mit Entsetzen lese ich jetzt in den Zeitungen von den vielen Unglücksfällen auf den Eisenbahnen, und freue mich dann dankbar, daß Du glücklich heimgekehrt bist. Halte Dich nun auch gesund mit Frau und Kinder, grüsse Dein vierblätteriges Kleeblad herzlich von mir, und behalte lieb

Deine

alte Mutter,

Lotte Häckel.

a gestr.: das; b korr. aus: Genaue; c gestr.: auch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
29-10-1880
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36889
ID
36889