Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, [Potsdam], vor dem 20. Januar [1879]

Mein lieber Ernst!

Diesmal möchte ich wohl meinen Brief mit schelten anfangen über Deine über große Sorgfalt und Liebe: Du hast mir schon so viel zum Lesen geschickt, daß ich es kaum bewältigen kann; und nun schickt mir der Buchhändler die Leipziger Ilustrirtezeitung mit der Bemerkung auf Bestellung des Herrn Professor Haeckel in Jena. Das ist freilich sehr gut von Dir gemeint, aber sehr Ueberfluß, a da es meistens eine Zusammenstellung aus Zeitungen ist; || dazu kommt nun, daß der Druck so klein und fein ist, daß die immer schwächer werdenden Augen einer bald 80 jährigen Frau, nicht darin lesen kann. Jetzt muß man sie wohl ein viertel Jahr behalten, aber dann bitte ich sie abzubestellen.

Willst Du sie haben, und soll ich Dir immer ein paar Hefte unter Kreuzband schicken? – ?

Nun genug von diesem Kapittel, wenn ich auch nicht will, daß Du so viel für Deine alte, || kröppeliche Mutter thun sollst, so rührt mich doch Deine kindliche Liebe und Sorgfalt, mit der Du bemüht bist mir Unterhaltung zu verschaffen.

Die Hefte, die Du zu Weihnachten geschickt hast (unser Vaterland) haben einen schönen deutlichen Druck, so daß ich auch Abends drin lesen kann. –

20/1 Seit mehreren Tagen liegen diese Zeilen an Dich unvollendet, unterdes wurde ich erfreut durch einige Zeilen von Dir, Lisbets Brief beigefügt. ||

Lisbet danke ich herzlich für ihren Brief, der mir rechte Freude gemacht; wie ja gewiß wenn sie mir gerne schreiben; nur bitte ich dringend preßt sie nicht zum Schreiben; ich mag es nicht wenn es den Kindern eine Qual ist an die alte Großmutter zu schreiben. Aber recht lebhaft ist bei uns der Wunsch die drei lieben Kinder wiederzusehn, und mich an sie zu erfreuen; nun, wenn Gott mich so lange leben läßt so besucht Ihr, Lieben, mich in diesem Jahr. ||

Zu Weihnachten bekam ich von Bertha einen angefangenen Teppich, mit dem Bemerken, da ich ja immer gerne eine Arbeit mache, die mir Freude wäre, so solle ich für Ernst diese zum Geburtstag arbeiten. Daß hat mir nun wirklich eine große Freude gemacht, und in jedem Stich sind gute Wünsche für Dich, mein lieber Ernst mit eingenäht. Freilich gerathen sollche Arbeiten von alten Augen und Händen nicht so gut wie von jungen, und doch bitte ich Dich, mir zu Liebe den beifolgenden Teppich zu || gebrauchen. –

Ich hatte mir vorgenommen, Dir zum Geburtstag einige Apfelsinen mitzuschicken, aber da es heute wieder kälter ist, darf ich es nicht wagen, die erfrieren zu leicht; ich werde Dir lieber später welche schicken. –

14/2b heute zu Mittag war Karl mit Anna, Marie und dem kleinen Siegfried bei mir, wir konnten erst um 3 Uhr essen, da Karl Gerichtssitzung hatte; die sehr interessant aber auch anstrengend war. – Ich hatte von Bertha || eine Rehkeule bekommen worauf ich sie eingeladen hatte. Heute ist Annas Geburtstag, den sie gestern Abend in voraus mit ihren Freundinnen gefeiert hat. Leider hatte sie heute Kopfschmerz, und Karl noch viel zu thun, deshalb konnten sie nicht zum Abend wiederkommen. – Wenn sie so bei mir sind, ist es mir eine große Freude; dabei fehlst Du mir aber immer, mein lieber, lieber Ernst. ||

Grüsse Deine liebe Frau und die Kinder herzlich von mir. Gott gebe, daß Ihr Sonntag zusammen recht heiter seid.

Behalte lieb

Deine

Dich so innig liebende

Mutter Lotte.

Bei dem jetzigen Kriege von England mit den Zulo muß ich immer viel an Wilhelm Bleeks Witwe denken, deren Vater doch in Natan ist.

a gestr: da; b irrtüml.: 1

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
vor dem 20.01.1879
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36837
ID
36837