Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, [Potsdam], vor 29. Oktober – 30. Oktober [1877]

Mein lieber Ernst!

Du hast mir eine so große Freude durch Deinen Besuch gemacht, daß es mir Befürfniß ist, Dir noch besonders meinen Dank dafür auszusprechen; und das hätte ich gerne schon früher gethan, aber konnte nicht dazu kommen, und wenn ich auch wollte, so ging es nicht, weil ich Dir nicht schreiben mochte, was mich so sehr beschäftigt seit ich wieder hier bin; und doch kann ich es nicht verhelen; ich bin sehr bekümmert: der Zustand || von Karls kleinen Ernst macht mich sehr bedenklich. Gebe Gott, daß meine Sorge unnöthig ist. Wohl sage ich mir, daß es jeden fals zu nichts führt; muß ich es dankbar anerkennen, daß unser armer Karl mit Ergebenheit es trägt, was ihm das Leben bringt, aber nichts desdoweniger, empfindet mein Mutterherz es tief, wie schwer seine Lebensaufgabe ist. ||

29/10

Du wirst gar nicht begreiffen, mein lieber Ernst! wie es kommt, daß Du keinen Gruß von Deiner alten Mutter bekommst, und schon seit mehreren Tagen ist der Brief an Dich angefangen, aber ich konnte immer nicht zum Schreiben kommen, obgleich ich viel Dinge gedacht, besonders am Geburtstag Deiner lieben Frau; wie habt Ihr den Festag verlebt? und wie hast Du Frau und Kinder gefunden?

Hast Du denn noch in Berlin durch Marie Reimer das Kleid erhalten, was ich Agnes schenken wollte? Hast Du es bezahlt, dann bitte schreibe mir was || es kostet oder soll iches durch Bertha an Marie bezahlen lassen? bitte um Antwort? –

Anna hat mir nach der Wäsche, ein Taschentuch von Dir gegeben, was sich dort gefunden hat, ich werde es Dir mitschicken, wenn ich per Fracht etwas schicke. Hast Du etwa von Karl eins mitgenommen? Dann schicke es gelegentlich mit zurück. Mein lieber Professor muß sich Mühe geben mit seinen Taschentüchern orndlicher zu werden, versuche es nur mal und mache Dir die feste Regel, daß Du jedesmal, wenn || Du ein reines aus dem Schrank nimmst, das schmutzige orndlich weg legst; und keins zum Farbenwischen brauchst. Du hälst das vielleicht für unbedeutent, das ist aber nicht so, und Du mußt schon mit Deiner Wäsche orndlicher werden, Deiner Kinder wegen, daß die ein gutes Beispiel daran nehmen können. Sieh so bekommt auch ein gelehrter, berümter Professor noch eine Lexion von seiner alten, einfältigen Mutter; doch Du weißt, mein lieber Herzens Ernst, wie es gemeint ist. ||

30/10

Für heute nur noch mit herzlichem Gruß an Dich, Deine liebe Frau und die Kinder den Wunsch, daß es Euch wohl gehn möge; hütet Euch nur vor Karta und haltet Euch gesund, das ist der Herzens Wunsch

Deiner

alten Mutter

Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-11-1877
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36751
ID
36751