Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 20. August 1874

Potsdam 20/8 74

Lieber Ernst!

Mein Dir gegebenes Versprechen zu erfüllen, sollen diese Zeilen Dir sagen, daß ich nun wirklich in Potsdam bin. Die Trennung von Dir und den Deinen wurde mir recht schwer und doch ist es gut, daß ich wieder hier bin, bei meinem jetzigen Befinden konnte ich Dir dort nichts sein, und war Dir nur ein Sorge und Last. – Habe herzlichen Dank für alle Deine Liebe. Hoffentlich kannst Du bis zum Sonnabend noch alle Arbeitslast abschütten, und erlebst dann mit Deiner lieben Frau eine schöne, freie || Zeit der Erholung. Gott gebe Euch dazu schönes Wetter und Sorgenfreien Sinn.

Zu nächst wünscht Du nun wohl von meiner Reise zu hören, wovon sich freilich nicht viel Gutes sagen läßt; da jetzt alles wo möglich noch erschwerter ist durch die großartigen Einrichtungen auf den Bahnhöffen; schon in Großheringen mußte ich lange wartten, da der Zug verspätet kam. Dadurch wurde die Zeit in Halle verkürzt, und obgleich ich gleich a das Billet besorgte und einem Packträger dasselbe mit dem Packschein übergab; b wurde ich doch so spät bedint, || daß der Zug weg war als ich nach mühsamen Suchen den richtigen gefunden. Nun mußte ich lange wartten, und hatte das Vergnügen auf einem Bummelzug bis Magdeburg wenigstens 9 mal anzuhalten. – Da aber bei allem im Leben sich was Gutes herausfinden läßt, so war es diesmal vielleicht recht gut immer eine kleine Ruhepause zu haben, denn ich fühlte mich sehr elend und zerschlagen. Von Magdeburg, wo man in Tunnel auf einer großen Treppe hereinsteigen und herausklettern muß, kamen wir erst nach 6 Uhr weg, und nach 9 Uhr hier an; wo ich gleich || Marie fand und mein treuer Heinnrich, der Droschke und Gepäck besorgte. Heinnrich sagte mir nachdem er ein Stückchen weit gefahren, er wolle nach Hause, weil die andern Geschwister alle noch zu mir kommen wollten, ich bat ihn aber, ihnen zu sagen ich könne sie gestern nicht mehr sehn; denn ich war ganz heiser. – Heute sind sie nun alle bei mir gewesen; sie sehen sehr gesund aus. Von meiner Gesundheit läßt sich noch nicht viel sagen, mein Kopf ist heute sehr wüßt. – Empfiel mich Deiner lieben Schwiegermutter beßtens, und sage mir ja was Deine beiden Töchterchen machen, meine liebe Lisbet soll nur immer daran denken, wie ich nur eine gute Lisbet will. – Behalte lieb Deine

alte Mutter Lotte

a gestr.: zum; b gestr.: kam der

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-08-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36597
ID
36597