Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 10. Februar 1874

Potsdam 10/2 74.

Lieber Ernst!

Dank für Deine lieben Zeilen. Wie leid ist es mir aber, daß Ihr alle mit Erkältung zu kämpfen habt; und ich bitte Dich dringend: sei vorsichtig, gehe nicht zu früh aus, ich fürchte immer, daß Du zu wenig Rücksicht auf Deine Gesundheit nimmst. Hoffentlich höre ich bald Besseres von Euch Allen!! – –

Du fragst, wie es Clara geht? im Ganzen besser als man nach all den Schmerzen, was sie erlebt hat, erwartten konnte; sie ist leicht be-||trübt; aber nimmt sich tapfer zu sammen, sie ist nur noch matt sonst fühlt sie sich gut; und wird sich gewiß noch schneller erholen, wenn erst Appetit wieder kommt, der sich verlohren hat beim Schreck, wie sie erkannte, daß das Kind ihr nicht bleiben würde. Da blieb auch gleich die Milch weg, was ja sonst noch wohl Sorge würde gemacht haben. Sonntag wo ich sie zuletzt sah, litt sie an einem Zahngeschwür; doch sagte mir Karl, der heute früh einen || Augenblick vom Gericht kam, es ging leidlich. Karl quält sich noch immer mit seinem Fuß. auch hatte er in der vorigen Woche Erkältung. Ich war Sonntag zu Mittag bei ihm und da das Wetter so schäuslich war, spendierte ich hin eine Droschke, auf dem Rückweg, hatte ich Noth mich auf den Beinen zu halten, so stürmte es. –

Hast Du denn schon das erste Heft der Garttenlaube dieses Jahres gesehn, drin steht das Gedicht was Almers gemacht als Du ihn bei Walter zu Gevatter gebeten. || Ich habe mich sehr geärgert, daß ist nicht passend in solchem viel gelesenen Blatt, die wenigsten Leser werden es a verstehn: solche poetische Phantastereien gehören nicht in’s größere Publikum; meine Wirttin bracht mir das Blatt mit der Bemerkung, ich möchte doch die schöne Weihrede lesen, die bei der Taufe Deines Kindes gehalten sei. – – Doch da das Blatt zu Ende geht, wollen wir damit schliessen: Du bleibst mein lieber Junge und bist religiöser als Du scheinen willst. Behalte lieb Deine alte Mutter Lotte.

a gestr.: nicht; b Text weiter auf unterem Rand von S. 1: lieb Deine … Mutter Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
10-02-1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36572
ID
36572