Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes und Ernst Haeckel, [Potsdam], 19. Dezember 1872

19/12 72.

Meine lieben Kinder!

Dies Blättchen soll Euch einen herzigen Festgruß Euerer alten Mutter bringen. Gebe Gott, daß Ihr Lieben gesund seid, und ein recht gemüthliches Weihnachtsfest mit Eueren lieben Kindern feiert. Ich denke Ihr werdet bei Euch den Weihnachtsbaum haben, und bitte Agnes, daß sie den Kindern, ehe sie zu Bette gehn, ein hübsches Weihnachtslied singt. Ich denke mir wem solche schöne Gabe zu singen verliehen ist, muß auch sein Haus damit erfreuen. ||

Mein Kistchen an Euch sieht groß aus, und doch ist nicht viel drin; ich tröste mich damit, daß die Liebe ja die Hauptsache ist; und ein Schelm ist, der mehr giebt als er hat. Zuerst mache ich Euch drauf aufmerksam daß Ihr beim Oeffenen vorsichtig seid: oben auf sind die Spielsachen, die Du, lieber Ernst hier, ließt mit dem Wunsch sie zu Weihnachten nachgeschickt zu bekommen; in der Schachtel habe ich eine Zeitungsanonce gelegt, die Dir gehört; damit die Kanone fest || steht habe ich Feigen etc einzeln herum gepackt, das muß behutsam weggenommen werden. Für meine Enkel habe ich Handschuh gestrickt, ich hoffe beifolgende passen Walterchen und Lisbeth, es ist mir sehr leid, daß ich für die lieben Kinder weiter nichts habe, als Traubenrosinen, Mehlweißchen und kleine Kinderkuchen; ich wollte noch heute etwas Spielzeug kauffen, aber da es glatt ist, getraue ich mich nicht auszugehn bei meinem Talent zu fallen. –

Da ich nichts habe kaufen können, schenke ich meinem Schwiegertöchtern etwas von meinen Sachen, und ich denke || es wird Dir Spaß machen, am Halse Deiner Frau das Halsband zu sehn, was ich immer getragen, das Armband von meinem Haar, um den Stein ist Haar von Dir, hatten wir mal für meine Schwiegermutter machen lassen; ich denke Agneß wird es brauchen können. Für Agnes habe ich den Sack gehäckelt, wenn sie Einkäufe macht, und die Söckchen sollen ihr Nachts die Füße wärmen, sie muß forne nehmen, wo die schwarze Cokarde ist, den Fuß einstecken, das Gummibändchen schließt über dem Henkel. ||

Für Dich, mein lieber Herzens Ernst, kommt ausser Deskaner, Feigen, nichts als ein Buch. Du wirst Dich wundern von Deiner Mutter ein Buch verfaßt von einer Frau zu erhalten; aber so sehr zuwider mir die Schriftstellerei der Frauen ist, so hat mir dies Buch so gut gefallen; besonders da mir die Neueren Novellen von der Marlit etc so unangenehm sind, besonders habe ich mich über Hausers: Die Kinder der Welt geärgert. Also mag || es wohl ein Gegensatz zu diesem Zeuge sein, daß mir die letzte Renkenburgerin so gut gefallen, und ich wünschte, daß Du manichmal Dir ein Stündchen Ruhe gönntest und besonders Abends, wenn die Kinder schlaffen, Deiner Frau vorlesen mögest, und dazu eignet sich dies Buch sehr. – Leider habe ich es erst heute bekommen, und ist daher nicht einbinden können || lassen, ich bitte Dich nun es auf meine Rechnung in Jena zu besorgen.

Gestern war Bertha hier, die hatte aus Holland Briefe, Loui, seine Frau und 2 Neffen werden Sonntag bei ihr eintreffen und bis zum 4ten Januar in Berlin bleiben.

Loui schrieb: er hoffe sicher Dich in Berlin zu sehen, du würdest doch wohl zwischen Weihnachten und Neujahr hinkommen. –

Ach, so sehr ich mich freuen würde, Dich zu sehn, so kann ich doch mit gutem Gewissen nicht zureden bei der Kälte auf so kurze Zeit. ||

Heilig Abend und den Mittag des ersten Festtags werde ich bei Karl sein. Den zweiten Festtag sollen wir alle zusammen bei Helehne sein, hoffentlich wird der kleine Julius, mita dürfen, da er sich schon gebessert hat. –

Nun, meine lieben Kinder, seid aufs innigste gegrüßt von

Euerer

alten Mutter

Lotte.

Agneß bitte ich noch ihre liebe Mutter und Clara herzlich zu grüssen.

a gestr.: ganz; eingef.: mit

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
19-12-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36498
ID
36498