Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 10. Februar 1872

Berlin 10/2 72

Mein lieber Herzens Ernst!

Heute früh bekam ich den so sehnlich erwartteten Brief. Leider war meine Sorge um Euch nicht vergebens, Ihr habt wieder mit Krankheit zu kämpfen gehabt. Nun wir wollen dankbar sein, daß es wieder überwunden ist, und Agnes hat aufstehen können; die arme Frau 3 Wochen im Bett zuzubringen, das ist ja eine rechte Qual, wobei man dann immer die Sorge hat, ob für Mann und Kinder wohl alles richtig hergestellt ist. Hoffentlich || wird Agnes sich bald ganz erholen, daß sie wieder ihr häusliches Glück geniessen kann. Auch um Deinen Schwager Huschke habt Ihr Sorge gehabt, nur gut, daß er wieder hergestellt ist; der macht es aber vernünftig bei der Mutter das Kranksein abzumachen, da hat er doch Pflege; er soll nur bald sich eine Hausfrau nehmen, das wünsch ich ihm doppelt nun er in das kleine Nest kommt bei Ziegenrück.

Jetzt ist in Potsdam mal alles gesund, vorigen Sonntag war ich dort; am Mittwoch || waren Karl u. Clara bei mir zu Mittag; Karl hatte den Zahnarzt gesprochen der ihn zu gestern um 2 Uhr bestellt hatte, was Karl lieb war, da er vorher einer interessanten Sitzung im Abgeordnetenhaus beigewohnt hat; er bestellte sich daher erst um 3 Uhr das Mittagessen bei mir. – Donnerstag war ich mit den Töchtern von Julius zu Mittag bei Bertha. Du siehst, daß ich mancherlei Abwechslung gehabt habe. Sonst haben wir recht ernste, schwere Zeit verlebt; Du kannst denken welche Angst wir um Heinerich hatten, nach diesen schweren Schicksalsschlägen; nun Gott sei Dank, || er ist doch nun in der Besserung, und wird wohl in der andern Wochen das Bett verlassen können. Im Ganzen war die Krankheit nicht so sehr schlimm; aber er hat noch immer viel Schmerzen in allen Gliedern. Die Aerzte sagen, das sei in diesem Jahre fast mit allen Krankheiten. – Der kleine Curt ist noch bei Sethens.

Wahrscheinlich werden sie übermorgen zu mir kommen; die armen Mädchen werden noch in Vielem sich schicken müssen; es ist auch für sie || recht schwer, daß nun Heinerich nicht ihnen beistehn kann. – –

Aus vorstehenden Zeilen siehst Du, daß ich schon vor mehreren Tagen angefangen hatte Dir zu schreiben, als ich grade rechte Sehnsucht nach Euch hatte, ich wurde aber verhindert weiter zu schreiben; bin aber immer viel in Gedanken bei Euch. –

Wie mir Karl sagte, so hat Ernst Weiß, der als Professor nach Kiel kommt, sich mit Adelheid Hochheimer aus Zeits verlobt. (wahrscheinlich eine Schwester seiner Schwägerin in Skeuditz). ||

Schreibe mir doch; ob ich Dir Geld schicken soll, wenn ich für Dich Zinsen erhebe, oder ob ich es anlegen soll; sobald ich kann werde ich die von der Kursc Kiewer erheben für Agnes 10 Thaler und für Dich 110 Thaler. Was Frau Professor Weiß zu Ernstens Verlobung sagt, weiß ich nicht, da sie keine Besucher annimmt, sie ist krank; schon als ich vor 14 Tagen bei ihr war, klagte sie sehr; es wird ihr recht schwer, wie mir scheint, sich darin zu finden, daß nicht alles nach Wunsch geht. – –

Sei Du mit Agnes und den kleinen Putzels aufs herzlichste gegrüßt von

Euerer alten Mutter Lotte. ||

Mein lieber Ernst!

Je ernster und schwerer der Lebensweg wird um so dankbarer erfreut man sich des Guten, was uns noch bleibt und wird; und so bleiben mir trotz allen Schicksalsschlägen die Geburtstage meiner beiden lieben Söhne immer die größten Festtage; und so laß Dir auch von Herzen Glückwünschen zu Deinem Geburtstag von Deiner alten vereinsamten Mutter, deren ganzes Glück die Kinder und Enkel sind. ||

Gott erhöre mein Flehen und gebe Dir auf Deinem Lebensweg viel Licht, Freudigkeit in Deiner Berufsthätigkeit, und vor allem schenke er Dir und den Deinen dauerhafte Gesundheit und gebe Euch viel Freude an den Kindern. Ich hoffe den künftigen Sommer wirst Du so bald es angeht mit Frau und Kinder zu mir nach Potsdam kommen. Ich sehne mich sehr nach Euch. –

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
10-02-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36453
ID
36453