Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, [Berlin], 8./9. Dezember 1871

Mein lieber, lieber Ernst!

Herzlichen Dank für Deinen lieben Brief, den ich heute früh erhielt, und gleich nach Potsdam geschickt habe. Daß Du nicht kommen kannst, thut mir leid, ich war grade dabei Dein Bett zurecht zu machen; nun müssen wir uns noch länger gedulden.

9/12. Als ich gestern angefangen, Dir zu schreiben, wollt es nicht weiter gehn, mein Kopf war zu dumm; nun will ich versuchen heute, Dir Deine gemachten Fragen zu beantwortten. Du schreibst ich solle Helehne und Mutter Minchen Deine Theilnahme aussprechen; ich werde sie aber in den nächsten Tagen schwerlich sehn; ich war vorgestern dort und || auf dem kurzen Weg habe ich den einen Fuß am Haken so durchgescheuert, daß ich im Strumpf und Schuh Blut hatte, als ich zu Hause kam; es ist nun schon besser, aber einen Schuh kann ich noch nicht anziehen, auch will ich bei dem kalten Wetter nicht eher ausgehn bis es ganz gut ist. – Ich denke es wäre wohl gut, daß Du ein paar Zeilen an Helehne schreibst. – Du meinst Du habest nicht gewußt, daß August Jacobi krank war; ich meine aber bestimmt, ich habe es Dir oder Agnes schon vor einigen Wochen geschrieben; er war plötzlich || am Tische bei einer Mittagsgesellschaft bei Julius krank geworden, Bertha hatte ihn einigemal als Nachbarin angeredet, er hatte nicht geantworttet, so daß sie geglaubt er sei nicht bei Laune, bis sie auf einmal sieht, daß er so blaß wird, und Heinnrich und Helehne winkt, die dann mit ihm zu Hause fuhren; sie hatten dann gleich zu Quincke geschickt, ehe der noch da war zu Klatsch. Der Zufall war wohl Schlagartig, und da er sich wieder erholte, glaubte Helehne, es sei ganz auf der Besserung; || Quincke nahm die Sache aber sehr ernst. – In der letzten Zeit war August heiterer gewesen, Spazieren und in Gesellschaft gegangen. Vorigen Sonnabend war er zu Mittags mit Helehne und Clärchen unter den Linden spazieren gegangen, dann zu Mittag in die Gesetzloosegesellschaft; Abends hatten sie auf den Juristenball gehn wollen, da war August noch allein zu Fuß zu Hause gekommen, hatte schwer Athem geholt, Friedrich hatte mit Helehne ihn ausgezogen, zu Bette || gebracht, und die Mittel angewändet von früher, Friedrich war zu Quincke gegangen, der gleich im Wagen gekommen war, aber ihn schon todt fand. – August hat kein schweres Ende gehabt; Lucie war bei Helehne, die hatte Clärchen im Ballstaat sehn wollen, und nun welchen Contrast. Die alte Frau Jacobie thut mir sehr leid; Helehne und die Kinder sind sehr ergriffen und betrübt. – Dinstag war das Begräbnis; doch davon habe ich Euch ja wohl geschrieben. – –

Ich habe dabei wieder unsere ganze Schmerzenszeit durchlebt; und ich danke Dir noch sehr, daß Du da bei mir warst. – ||

So sehr ich mich auch nach Dir sehne, mein lieber Ernst, so ist es mir doch eine Beruhigung, daß ich Dich heute nicht auf Reisen weiß, wir haben den ganzen Tag Schneegestöber mit starkem Wind gehabt. – Ich hatte mir schon lange vorgenommen für Walter zu Weihnachten einen Baukasten zu kauffen, werde es thun so bald ich wieder ausgehn kann. – Schicke den Rehrücken ja nach Potsdam, für Karl ist dergleichen sehr gut, ich habe ihm hier auch schon mal 1 Rehkeule gekauft; schreibe mir aber was er kostet || wie auch der Haase, den ich bekommen habe, damit ich es in unserer Rechnung bemerke, daß ich es bezahle versteht sich, ich freue mich, daß Du es besorgt hast. –

Agnes hat meine Frage noch nicht beantworttet, ob sie wünscht, daß ich für Lisbetchen ein kleines Jäckchen stricken soll, ich möchte es gerne wissen. Ich bitte Euch aber dringend: mir zu Weihnachten nichts zu schicken, ich thue es auch nicht, mir ist der Gedanke daran zu schwer, ich durchlebe still für mich die früher durchlebten, bin ich wohl so denke ich mit Bertha Heiligabend in Potsdam die Freude der Kinder zu sehn; Du || mußt Deinen Kindern auch ein Bäumchen anzünden, und zwar in Deinem Hause, Walter wird es schon recht verstehn, und Lisbetchen sich der Lichter freuen. Gestern bekam ich aus der Buchhandlung den dritten Theil von Friedländers Sittengeschichte Roms mit dem Bemerken, daß Vater die 2 ersten Theile erhalten habe, weißt Du was davon? ich finde sie nicht bei Vaters Büchern; soll ich es einfach zurück schicken? Sei Du mit Frau und Kinder Karlchen rechne ich jetzt zu Deinen Kindern,a aufs innigste gegrüßt von

Deiner

alten Mutter Lotte.

a gef. am unteren Rand von S. 8: Karlchen rechne ich … zu Deinen Kindern,

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
09-12-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36438
ID
36438