Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 1. Februar 1869

Berlin 1/2 69.

Lieber Ernst!

Was werden unsere Kinder in Jena machen? – So habe ich in der letzten Zeit oft gefragt, und mit Sehnsucht Nachricht erwarttet; heute kam nun Dein lieber Brief, wofür ich herzlich danke; wie sehr freue ich mich, daß Ihr, Lieben, wohl seid. Haltet Euch nur auch so frisch; übernimm Dich nicht mit der Arbeit; daß Du Deiner Gesundheit nicht schadest. Daß Ihr mal Gesellschaft bei Euch gesehn habt, freut mich; ihr müßt Euch || nicht so von Allem zurück ziehen, das ist nicht gut. Ich bin mit meinen Gedanken so viel bei Euch, wenn ich nur Euer liebes Kind sehn könnte. Nun hoffentlich könnt ihr zu Ostern zu uns kommen. – Wenn Du mal Zeit hast, mein lieber Ernst, so schreibe mir mal ausführlicher über Euer Leben; Du darfst Dich nicht so in der Arbeit verbiestern, daß keine Zeit für Frau und Kind bleibt; || laßt Ihr wohl den kleinen Walter viel auf der Decke liegen? dadurch kräftigen sich seine Glieder. Lest Ihr Abends was zusammen? und vernachlässigt Ihr die Musik nicht ganz? Das wäre sehr unrecht, es hat mir immer so viel Freude gemacht, wenn Du Clavier spieltest und dazu sangst oder pfiffst. – –

Ich beschäftige mich jetzt täglich mit Dir, Abends lese ich Deine Schöpfungsgeschicht, und mit großem Intersse, || und finde auch, daß ich mehr Verständniß davon habe, als ich vorher dachte. Besonders hat mir der Schluß des dritten Vortrags gefallen.

Du bist doch mein lieber Herzens Junge. Vater geht es leidlich, im Ganzen schwach; der Schlaf ist am Tage besser, als des Nachts; doch muß ich ja dankbar sein, daß er sich so weit erholt hat. Wir fahren täglich aus, damit er in die frische Luft kommt. – – ||

Ich weiß nicht ob ich Dir schon geschrieben habe; daß Karls drei jüngste Kinder die Masern haben: Ernst fing an, und ist wie mir Karl heute schreibt, gestern zum ersten mal aufgestanden, und sehr glücklich wieder in Vaters Stube sein zu dürffen. –

Georg hat sie leichter; Julius ist recht krank gewesen, jetzt sei aber das Fieber weg, und auch die Augen wieder besser. –

Karl kommt ab und || zu her, wenn auch nur ein paar Stunden, so ist es doch jedesmal für Vater eine große Freude. Vater grüßt Dich und Agnes herzlich, er läßt Dir sagen 5 Theile von Makole hätte er ausgelesen, die könne er Dir schicken. Nun frage ich bei Dir an: ob Du sie jetzt haben willst? oder später? Wenn Du Anna Hirzel siehst, sage ihr meinen herzlichsten Glückwunsch zur Verlobung. Das Mädchen hat || mir sehr gefallen, und ich wünsche, daß es ihr gut gehn möge. –

Dabei fällt mir ein, was habt Ihr für Nachricht von Euerer Schwester Bertha? geht es ihr gut? Agnes Mutter und Clara sind hoffentlich auch wohl, grüsse sie von mir herzlich. –

Georg Reimer besuchte Vater vor einigen Tagen, und hat ihm einige Bogen geschickt von Gneisenaus Leben von Perts, das hat Vater viel Freude gemacht. – ||

Du schreibst das Postporto für die Fische sei so hoch gewesen; Du hast doch nicht noch mal bezahlen müssen; ich hatte es frei gemacht. Den Tod des Professor Göttling hatte ich schon aus der Zeitung gelesen, und viel an seine alte Schwester gedacht; auch ist mir als wäre er befreundet gewesen mit der Famielie Huschke. –

Nun, Gute Nacht, liebe Kinder! Seid aufs innigste gegrüßt von

Euerer

alten Mutter

Lotte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-02-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36377
ID
36377